Hungerstreik vor dem Brandenburger Tor : Völker der Welt, schaut auf diesen Platz!

Mit dem Brandenburger Tor im Hintergrund erreichen die hungerstreikenden Flüchtlinge maximale Öffentlichkeit: Bernd Matthies über die Bedeutung des Pariser Platzes als Projektionsfläche.

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Symbolträchtiger Ort: Seit Montag ist eine Gruppe von Flüchtlingen vor dem Brandenburger Tor in einen Hungerstreik getreten.
Symbolträchtiger Ort: Seit Montag ist eine Gruppe von Flüchtlingen vor dem Brandenburger Tor in einen Hungerstreik getreten.Foto: epd

„Der Pariser Platz ist ein rund 1,5 Hektar großer quadratischer Platz in der Dorotheenstadt im Berliner Ortsteil Mitte“. Sagt Wikipedia. Ortsteil, na gut, man kann nicht alles haben, aber sonst trifft der Satz den Sachverhalt vollendet. Was er nicht vermittelt, ist die Tatsache, wie sehr der Platz, der vor 25 Jahren noch eine von Mauern und Zäunen umgebene Kaninchenbrache war, zu einer international beäugten Projektionsfläche geworden ist. Die Völker der Welt schauen auf diesen Punkt, als hätte ein Bürgermeister sie dazu aufgefordert, doch das ist ganz unnötig.

Die Afrika-Flüchtlinge, die dort ihren Hungerstreik vollziehen, wissen das. Sie sind mit der lakonischen Rechtschaffenheit der bayerischen Obrigkeit aus München vertrieben worden, dann in die Hauptstadt gelangt, um sich hier auf dem Oranienplatz niederzulassen, im Herzen des allzeit nachsichtigen Kreuzbergs. Doch wenn es um maximale Öffentlichkeit geht, in diesem Fall also irgendwie auch um Leben und Tod, dann kommt final nur der Pariser Platz in Betracht.

Die Ortswahl erhöht den Druck auf die Regierung

Sein Vorteil: Wenn der Fotograf nicht ganz dumm ist, dann rückt er auch immer das Brandenburger Tor ins Bild, gibt der Aufnahme einen sofort in aller Welt identifizierbaren Rahmen. Im alten West-Berlin hat man sich mit seinem dringenden Anliegen immer an den Breitscheidplatz gestellt, der ebenso ikonischen Gedächtniskirche zu Füßen; das ist Geschichte.

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Flüchtlinge im Hungerstreik am Brandenburger Tor
Flüchtlinge im Hungerstreik am Brandenburger Tor

Dass einer ein schweres Schicksal trägt und die Öffentlichkeit daran teilhaben lassen will – am neu bebauten Pariser Platz ist es Alltag, und die zuständigen Polizisten nehmen es mit Fassung, achten vor allem darauf, dass aus der legalen Mahnwache kein illegales Lager wird.

Das Grundproblem der Flüchtlinge kann an diesem Platz nicht gelöst werden. Aber sie erhöhen mit der Ortswahl den Druck auf die Bundesregierung, das ist sicher kein Fehler, wenn es denn die dringend notwendige Entscheidung darüber beschleunigt, wie es weitergehen soll.

Zuständig, heißt es, sei im Grunde Rom, die Hauptstadt des Landes, in dem die Flüchtlinge angelandet sind. Hätten die Preußen seinerzeit nicht Paris, sondern Rom erobert, hieße der Platz in der Mitte Berlins heute Römischer Platz, was ein nützliches Symbol wäre. Allerdings ist wohl keine Hilfe aus Rom zu erwarten, so oder so.

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