Ich bin ein BERLINER (97) : „Ich bin Hitler hinterher“

Ina Edelkraut wollte Gandhi werden - und organisiert heute Friedensfeste. In Berlin geht das am besten, sagt die 48-Jährige, schon der schrecklichen Vergangenheit wegen.

von und Jana Gioia Baurmann,Hendrik Müllenberg
Ich bin ein Berliner (97)
Ich bin ein Berliner (97)

Wer bin ich? Das ist die Frage, die wohl alle beschäftigt. Ich wurde am 20. April geboren, der Tag, an dem auch Adolf Hitler Geburtstag hatte. Mich hat dieser Zufall geprägt. Ich komme aus dem Ruhrgebiet, früher sagten viele: Du und des Führers Geburtstag! Er war also der erste Mann, der mir ernster begegnete und mit dem ich mich später dann auch intensiver beschäftigt habe. Mit all dem Entsetzen, dass es in Deutschland auch später noch möglich ist, Menschen aus Polen, Italien, Türkei und anderen Ländern auszugrenzen und abzulehnen – als sei Auschwitz nie gewesen.

Mein Berufswunsch war ziemlich schnell klar: Ich wollte Gandhi werden. Geschlechtlich ist das ja nicht so einfach, ich merkte aber auch schnell, dass es mental schwierig ist. Ich habe mich viel mit der Swastika beschäftigt, dem Hakenkreuz, bekannt auch als Sonnenzeichen. Ursprünglich steht es dafür, das Böse durch das Gute zu überwinden.

Die Auseinandersetzung damit hat ein wenig gedauert, aber sie führte dazu, aus dem normalen Leben auszusteigen und in Berlin ein Friedensfestival zu initiieren. Gemeinsam mit anderen möchte ich an den Orten, an denen die Nationalsozialisten wirkten, darauf aufmerksam machen, dass wir uns aktiv für die Einhaltung der Menschenrechte einsetzen. Dass es nicht reicht, einfach nur zu sein, sondern aktiv zu sein.

Ich habe lange Zeit in Spanien gelebt, in Marbella. Freiwillig bin ich nach Berlin gekommen, mit seinem kalten Winter und den frostigen Nächten. Ich bin Hitler hinterher, weil ich an die Stellen wollte, wo ich zumindest symbolisch heilen kann. Hier will ich wirken. Aus kaum einer Stadt der Erde ist so viel Gewalt und Hass gekommen wie aus Berlin. Und ich denke, dass von hier auch das Zeichen kommen muss, dass die junge Generation tolerant ist und friedlich. Diese Strömung muss gestärkt werden. Sie muss ein Exportschlager werden, neben all den Waffen und Panzern.

Das Friedensfestival hat inzwischen zum fünften Mal stattgefunden. Meine Vision ist, Friedenszentren zu gründen, in Berlin und Auschwitz.

Vor 50 Jahren - am 26. Juni 1963 - hielt John F. Kennedy seine berühmte Berliner Rede. Hier erzählen 100 Berliner, was ihnen diese Worte bedeuten - und wie sie die Stadt heute erleben. Siemens unterstützt das Tagesspiegel-Projekt. Alle bisher erschienen Videos zu der Serie "Ich bin ein Berliner" finden Sie unter: www.tagesspiegel.de/berliner

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