Berlin : „Ich dusche hier nicht“

In der Gropiusstadt sind weiter Keime im Wasser Die Sanitärcontainer nutzt dennoch kaum einer.

Jan Stremmel

Seit in der Gropiusstadt Keime im Trinkwasser entdeckt wurden, gibt sich die Hausverwaltung alle Mühe, die Bewohner zu beruhigen. Aber die lassen sich nicht mal mehr von sauberen Duschcontainern überzeugen.

Es ist acht Uhr morgens und keiner duscht. Ein kalter Wind bläst in die Ahornbäume an der Fritz-Erler-Allee, er pfeift um die vier weißen Stahlcontainer, die auf dem Platz vor der Hochhaussiedlung stehen. In jedem der Container: fünf Duschen, fünf Waschbecken, eine Toilette. Macht zusammen 20 Duschen, 20 Waschbecken und vier Toiletten. Für die Bewohner von fast 400 Wohnungen.

Eigentlich müsste jetzt Hochbetrieb sein, doch die Container liegen still zwischen den neunstöckigen Häusern. Warum nutzt niemand die frisch geputzten Container, zu denen armdicke blaue Leitungen sauberes Trinkwasser pumpen?

Seit Ende August steht fest: Das Trinkwasser in der Siedlung an der Fritz-Erler-Allee ist unrein. Das Gesundheitsamt entdeckte in den Rohren eines der Häuser einen Keim. Er heißt Pseudomonas aeruginosa und kann schlimme Entzündungen auslösen, wenn er in den Körper gelangt. Man riet den 140 Mietern, das Wasser vor dem Zähneputzen zu kochen.

Weitere Prüfungen ergaben, dass nicht nur ein Haus, sondern die ganze Wohnanlage den Keim im Wasser hat. Die Zahl der betroffenen Wohnungen stieg von 140 auf 400. Und so stellte die Hausverwaltung vorletzte Woche die weißen Duschcontainer vor die Wohnanlage – mit Trinkwasser, das laut den laminierten Zetteln an den Türen „sauber“ ist.

„Angeblich!“, ruft eine ältere Frau. Sie läuft mit zwei Einkaufstüten an der Hand an den Containern vorbei. In den ersten Tagen hat sie hier ihren Kanister mit Wasser gefüllt. Bis gestern, sagt sie. Seit sie gesehen hat, wie Arbeiter minutenlang Wasser auf die Straße sprudeln ließen, traut sie auch dem Wasser in den Containern nicht mehr. Die 79-Jährige kauft ihr Wasser jetzt im Supermarkt, immer fünf Liter auf einmal. Und duschen? „Tu ich bei meinem Sohn.“

Als die Keime entdeckt waren, hängte die Hausverwaltung Warnungen in die Treppenhäuser. Das Gesundheitsamt warf Zettel in die Briefkästen: Auch Duschen nur mit abgekochtem Wasser. „Ick dachte erst, dit is Werbung“, sagt ein hagerer Mann, der vor dem Haus raucht.

Bis heute können weder die Hausverwaltung noch das Gesundheitsamt genau sagen, wie die Bakterien in die Wasserleitungen gelangt sind. Vielleicht bei Bauarbeiten. Vielleicht über die „unzulässigen Sanitärbauten“, die die Hausverwaltung in manchen Wohnungen entdeckt hat. „Abschließend“, meldet die Verwaltung schon jetzt, werde die Ursache „wahrscheinlich nicht geklärt werden können“. Es klingt wie eine vorauseilende Entschuldigung.

Diese Offenheit mag ehrlich und gewissenhaft sein – die Menschen in der Fritz- Erler-Allee macht sie noch unsicherer. Immer wieder sammeln sich kleine Grüppchen von Nachbarn, die volle Wasserflaschen vom Supermarkt bringen oder am Container leere Kanister auffüllen. Sie stehen im Kreis und schütteln die Köpfe. „Ich dusche hier nicht. Will mir ja nicht die Krätze holen.“ – „Das Wasser hat doch einen Gelbstich!“ – „Auf die Miete können die lange warten, das sage ich euch.“

Gegen zwölf Uhr mittags überquert ein älterer Mann den Hof. Er füllt eine Fünfliterflasche mit Wasser und stellt sie in den Trolley, den er hinter sich herzieht. Seine Frau, sagt er, sitzt im Rollstuhl. „Die kann unmöglich hier unten duschen.“ Die Rohre werden frühestens im November gereinigt sein. Bis dahin werden er und seine Frau in ein Pflegeheim ziehen. „Immerhin“, sagt er, zahle die Hausverwaltung einen Teil davon. Er zuckt die Schultern. „Das ist höhere Gewalt.“ Das Wasser aus dem Container wird er trotzdem abkochen, bevor er damit Geschirr spült.

Währenddessen wischt im Container nebenan ein Putzmann mit Desinfektionsmittel den Boden. Obwohl noch immer niemand geduscht hat. Jan Stremmel

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