Berlin : „Ich habe offenbar niemandem geschadet“

NAME

Frau Kahane, Sie wurden Anfang der Neunziger Stasi-überprüft. Waren Sie IM?

Ja, auch wenn ich mich kaum erinnere. Ich war 19 Jahre alt, am Studienbeginn. Dieser Befund war in der Verwaltung aber bekannt.

Und was haben Sie als 19-Jährige getan?

Ich habe mir das Gauck-Gutachten Anfang der Neunziger angesehen. Ich habe offenbar niemandem geschadet: Nicht etwa eine Republikflucht verhindert oder anderes Schlimmes bewirkt. Ich sollte Kontakt mit ausländischen Journalisten aufnehmen – was mir eher nicht gelungen ist. Und man wollte Informationen über Kommilitonen. Aber da gab es nichts zu berichten. Was ich gemacht habe war, so merkwürdig es klingt, eher banal.

Warum haben Sie sich dazu hergegeben?

Ich hatte ein sehr ambivalentes Verhältnis zur DDR. Meine Eltern waren ihr als jüdische NS-Verfolgte eng verbunden. Also habe ich die DDR als Schutz vor Antisemitismus und Faschismus empfunden. Die Alltagsrealität der DDR aber war nicht schützend. Ich habe das als großen Zwiespalt erlebt. In der Situation wurde ich angesprochen. Das ist von heute aus schwer zu bewerten. Damals fühlte ich mich sehr verunsichert. Ich denke, mit 19 Jahren, in der Situation, hatte ich das Gefühl, es nimmt mich jemand ernst.

Wie bewerten Sie Ihr Tun heute?

Heute kann ich sagen: Das hättest Du nicht machen müssen. Anerkennung hättest Du auch woanders bekommen können. Aber es gab ja den Zeitpunkt, an dem ich kehrt gemacht habe. Den Kontakt abzubrechen, hat mich viel gekostet. Ich durfte als Übersetzerin nicht mehr ins Ausland reisen und habe auf jegliche Karriereaussicht verzichtet – und es war mir klar, dass dies der Preis ist. Ich habe eine kritische Sicht entwickelt, mein Freundeskreis war regimekritisch und irgendwann waren wohl mein damaliger Mann und ich auch unter Beobachtung. 1986 habe ich einen Ausreiseantrag gestellt. Erst die Summe ergibt meine Person.

Das Gespräch führte Barbara Junge

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar