Illegal in Berlin : Zukunft, die nie beginnt

Seit 22 Jahren lebt Mohamed in Berlin – aber eigentlich dürfte er nicht hier sein. Seine letzte Hoffnung setzt er in eine Petition. Die Geschichte eines Flüchtlings vom Oranienplatz.

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Heimat gesucht. In diesem Zelt im Flüchtlingscamp am Oranienplatz findet Mohamed manchmal Unterschlupf. Doch er schläft mal hier, mal dort. Groß nämlich ist seine Angst, festgenommen und abgeschoben zu werden.
Heimat gesucht. In diesem Zelt im Flüchtlingscamp am Oranienplatz findet Mohamed manchmal Unterschlupf. Doch er schläft mal hier,...Foto: Mike Wolff

Die dunkelgrüne Zeltplane hat Mohamed M. mit bunten Decken verhängt, seine Jacken auf Bügeln aufgereiht, das Bett ohne Bezug ist ordentlich gemacht. Hier im Zelt im Flüchtlingscamp am Kreuzberger Oranienplatz hat Mohamed den vergangenen Winter verbracht. Jetzt schläft er mal hier mal da, im Camp ist es zu unsicher für ihn. Denn seit fast einem Jahr ist er illegal in Berlin.

Mit einer Umhängetasche voller Unterlagen sitzt Mohamed im Garten eines Cafés irgendwo in der Stadt. Die in Deutschland so wichtigen Dokumente bewacht er wie einen Schatz, geordnet in Schnellheftern, ohne ein einziges Eselsohr. Sie sollen beweisen, dass es ihn gibt, dass er eine Geschichte in Deutschland hat, versucht hat, sich hier ein Leben aufzubauen.

Mohamed floh 1991 während des Bürgerkrieges in Algerien nach Deutschland, seit 22 Jahren wohnt er in Berlin. Im August 2012 erhielt er ein Schreiben der Ausländerbehörde, er solle Deutschland bis zum 29. September 2012 verlassen. Zu diesem Zeitpunkt habe er eine eigene Wohnung gehabt, finanzierte seinen Lebensunterhalt selbst und sei krankenversichert gewesen, erzählt er. Er habe sogar das Angebot gehabt, einen unbefristeten Arbeitsvertrag zu unterschreiben. Eigentlich sah alles gut aus. Aber dann sollte er zurück nach Algerien, wo er keine Freunde mehr hat, keine Zukunft. Bis auf einen Kurzbesuch bei seinen Eltern sei er seit 22 Jahren nicht dagewesen, sagt er. Als er die Ausreiseaufforderung liest, schnappt Mohamed seine Tasche, packt Kleidungsstücke ein und die Unterlagen. Statt nach Algerien geht er auf die Straße, um einer Abschiebung zu entkommen.

Bei der Beratungsstelle „Asyl in der Kirche“ in Kreuzberg trifft er im September 2012 auf Pfarrer Bernhard Fricke, der eine Petition an das Abgeordnetenhaus startet. Ohne Erfolg. Der Petitionsausschuss könnte eine Empfehlung an den Senat aussprechen. „Das Problem ist nur, dass der Petitionsausschuss eigentlich immer den Ausführungen der Ausländerbehörde folgt“, sagt Fricke. „Das ist zumindest meine Erfahrung.“ Die Ausländerbehörde begründet die Ausweisung damit, dass Mohamed „eine soziale und wirtschaftliche Integration nicht gelungen“ sei. Fricke sieht das anders: „Mohamed kann fließend Deutsch, er tritt überzeugend auf und ist engagiert. Der Mann hat einfach Pech gehabt.“

Kurz nach seiner Ankunft in Deutschland stellt Mohamed einen Asylantrag. Während der geprüft wird, macht er ein in Deutschland anerkanntes Abitur und beginnt an der Universität Potsdam Germanistik und Jüdische Studien zu studieren. Als der Antrag abgelehnt wird, darf er mit einem Studentenvisum bleiben. Er arbeitet als Tellerwäscher, macht Gelegenheitsjobs und finanziert sich sein Studium selbst. Bis 1996, da läuft sein algerischer Pass ab. Algerien lässt sich Zeit, einen neuen auszustellen. Mohamed kann sich so nicht an der Uni zurückmelden, er verliert seine Aufenthaltsgenehmigung und soll das Land verlassen.

In seinem Heimatland herrscht noch immer Bürgerkrieg, viele seine Freunde sind geflohen oder tot. Mohamed will nicht zurück. Als Wehrdienstverweigerer erwarten ihn in Algerien, wo das Militär viel Macht besitzt, bis heute große Probleme. In seinem Zimmer im Studentenwohnheim greift er sich eine Tasche, packt ein paar T-Shirts und Hosen ein, nimmt zwei Bücher mit und geht nach Berlin. Auf die Straße. Erst elf Monate später bekommt er einen neuen algerischen Pass. Zu diesem Zeitpunkt ist sein Aufenthalt schon illegal, er ist obdachlos, schlägt sich als Straßenmusiker durch.

Bis 2003, da hätte sein Aufenthalt in Deutschland vorbei sein können. Im Kaisers-Supermarkt am Kottbusser Tor bezahlt er eine Flasche Bier und steckt sich eine zweite so ein. Die Polizei wird gerufen, wegen der fehlenden Aufenthaltsgenehmigung landet er für 23 Tage in Abschiebehaft. Bei der Überprüfung seines Falls entdecken Beamte einen Verfahrensfehler. Anstatt abgeschoben zu werden, gilt er plötzlich nicht mehr als Illegaler. Auch die vergangenen sieben Jahre werden im Nachhinein als legal angesehen. „Ich habe einen dummen Fehler begangen“, sagt Mohamed. „Aber im Endeffekt hat der mich erst mal gerettet.“

Nach 18 Jahren in Deutschland meldet er sich 2009 beim Jobcenter in Pankow und bezieht für knapp ein halbes Jahr Mittel von Staat. Dann schreibt er Bewerbungen, putzt und spült Teller, arbeitet bei Leiharbeitsfirmen. Nebenbei engagiert er sich ehrenamtlich. Im Oktober 2009 zieht er in seine erste eigene Wohnung in Prenzlauer Berg. Er trägt eine Bibliothek zusammen, mehrere hundert Bücher mit Märchen aus aller Welt. Er hat sie gesammelt für seine Zukunft in Deutschland. „Ich habe immer gedacht, irgendwann bekomme ich eine Aufenthaltserlaubnis und werde damit arbeiten“, sagt Mohamed. „Wahrscheinlich war ich einfach nur naiv.“ Stattdessen musste er die Bücher zurücklassen, als er die Wohnung verließ.

Mohamed sagt, er habe seine Wohnung allein bezahlt und seinen Lebensunterhalt bis zum Schluss selbst bestritten. Warum er nach 22 Jahren abgeschoben werden soll, dazu will eine Sprecherin der Senatsverwaltung für Inneres nichts sagen. Aus Datenschutzgründen. „Generell ist die Dauer des legalen Aufenthalts aber ein bedeutsamer Aspekt beim Ermessensentscheid“, sagt die Sprecherin. Dass jemand nach so langer Zeit abgeschoben werden soll, sei selten.

Das Leben auf der Straße nimmt Mohamed mit. „Einen zweiten Winter in einem Zelt irgendwo schaffe ich nicht“, sagt er. Aber er gibt nicht auf. Auf der Internetplattform change.org haben Unterstützer eine Petition veröffentlicht, um ein Bleiberecht zu erreichen. Wenn sie genug Unterschriften zusammen bekommen, wollen sie die Petition an die Verwaltung weiterleiten. „Wenn das nicht klappt, weiß ich nicht mehr, was ich noch tun kann“, sagt Mohamed.

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