Illegaler Verkauf : Zigarettenschmuggel: Berliner Alltäglichkeit

13.01.2012 14:37 UhrVon Knut Hansen
Beschlagnahmte Zigaretten ohne Steuerbanderole. Das Unrechtsbewusstsein der Bürger erodiert. Foto: dpa
Beschlagnahmte Zigaretten ohne Steuerbanderole. Das Unrechtsbewusstsein der Bürger erodiert. - Foto: dpa

Zigarettenschmuggel ist ein Milliardenschaden fürs Land. Mehr aber auch nicht. Fahnder sagen: Der macht keinen Ärger, also hat er keine Priorität. In Berlin nimmt der illegale Verkauf ständig zu.

Das Geschäft dauert nur Sekunden. Ein Mann um die 50, vergilbter Bart, Schirmmütze, ist den Bürgersteig entlanggeschlendert gekommen, vor Hausnummer 33a bleibt er stehen. Einem jungen Asiaten, der dort vor der mit Edding beschmierten Tür eines Lastenaufzugs lehnt, drückt er 22 Euro in die Hand. Der Asiate fingert aus einer Umhängetasche eine Stange Zigaretten. Eilig greift der Mann danach, schiebt sie unter seine Lederjacke. Es ist das einzige Zeichen dafür, dass zumindest einer von beiden weiß, wie verwerflich ihr Geschäft ist – in diesem Augenblick gehen dem Staat 29 Euro Steuereinnahmen verloren.

„Wenn Vater Staat uns bescheißt, dann bescheißen wir ihn auch“, sagt der Mann mit seinem Schäferhundmischling an der nächsten Straßenecke trotzig.

Er fühlt sich keineswegs ertappt. Die geschmuggelte Stange spannt unter seiner Jacke. „Einfache Leute können sich Zigaretten regulär gar nicht mehr leisten, so hoch wie die Tabaksteuer mittlerweile ist.“ Diejenigen, die das Rauchen immer teurer machten, die Politiker, seien ja selbst nur auf ihren Vorteil bedacht, ätzt er. „Da habe ich kein schlechtes Gewissen.“

Der illegale Verkauf geschmuggelter Zigaretten nimmt in Berlin ständig zu. Die Bundeshauptstadt ist auch die Hauptstadt des Zigarettenschwarzmarkts. Eine Ipsos-Studie, die auf der Zahl leerer Zigarettenschachteln im Müll basiert, kommt zu dem Ergebnis, dass rund die Hälfte der jährlich in Berlin gerauchten Zigaretten nicht in Deutschland versteuert wurden. Der Steuerausfall beläuft sich deutschlandweit auf mehr als vier Milliarden Euro. Zur beliebtesten Marke Berlins hat es so eine Zigarette gebracht, die in Deutschland legal nicht zu kaufen ist: Jin Ling. Die hellgelbe 20er-Schachtel erinnert an eine Camel-Packung, wobei das Wüstenkamel durch eine Bergziege ersetzt worden ist. 600 Kilometer von Berlin entfernt, in Kaliningrad, produziert die Baltische Tabakfabrik die Zigarette völlig legal. Verkauft wird Jin Ling ab Werk, die Schachtel kostet 16 Cent, die Stange 1,60 Euro, gezahlt wird per Vorkasse. Wer die Käufer sind, und wohin die Ware anschließend geht, dafür interessiert sich der Hersteller nicht. Mal wird sie per Schiff in den Rotterdamer Hafen geschmuggelt, mal fahren Lastwagen sie auf direktem Weg durch Polen nach Deutschland. Die Gewinnmarge zwischen Werksverkauf und Straßenhandel in Berlin liegt bei 1250 Prozent.

„In der Lieferkette gibt es bis zu sieben Profiteure“, berichtet Norbert Scheithauer von der Berliner Zollfahndung. Er ist ein kerniger Typ, zwei Hemdknöpfe offen, und stolz auf seinen Job. An die Wand vor seinem aufgeräumten Schreibtisch hat er Zeitungsartikel über spektakuläre Erfolge des Zolls gehängt. Der jüngste ist von Mitte Dezember. Er kündet von bundesweit 35 Durchsuchungen, zeitgleich, auch in Berlin, von zehn Haftbefehlen und einer Million beschlagnahmter Zigaretten. So etwas soll ihm wohl auch Mut machen. Denn Scheithauer und seine Kollegen wissen viel. Nur ausrichten tun sie meist wenig.

Den Transport nach Deutschland übernähmen fast immer Polen oder Litauer, erzählt er. In Scheunen, Ruinen oder Lagerhallen im Berliner Umland würden die Zigaretten abgeladen und meist von vietnamesischen Mittelsmännern übernommen, die sie in kleineren Mengen per Transporter zu sogenannten Depotwohnungen in der Stadt brächten. Von dort versorgten Beschicker die Straßenhändler der vietnamesischen Mafia. Meist stehen die Verkäufer an Tram-, U- und S-Bahnhöfen oder vor Supermärkten und handeln völlig ungeniert und für jeden sichtbar. Fast alle Verkaufsplätze befinden sich in den östlichen Bezirken der Stadt. Von bis zu 400 weiß der Zoll.

    Ein Service von
    Angebote und Prospekte von kaufDA.de
Videos - Berlin
Service

Umfrage

Berlins Badesaison ist eröffnet: Welcher ist Ihr liebster Badesee?

Der Stadtleben-Blog

In Berlin kommt man nicht zur Ruhe. Zum Glück. Hier bloggen vier Tagesspiegel-Autoren über Kultur, Szene und Nachtleben der Stadt.
Berichte aus einer lauten Stadt

Das Berliner Programm

Nachrichten aus den Bezirken

Umfrage

Airlines fordern eine Lockerung des Nachtflugverbots in Tegel. Ihre Meinung dazu:

Weitere Themen

Willkommen im Tagesspiegel

In unserem Verlagsgebäude finden Lesungen und Salons, Konzerte, Vorträge und Seminare für Leserinnen und Leser statt, zu denen wir Sie herzlich einladen.

Biowetter, Deutschlandwetter und internationales Wetter, Niederschlagsmengen, Reisewetter und aktuelle Satellitenbilder. Behalten Sie das Wetter im Griff!

Tagesspiegel Wetterseite

Tagesspiegel-Spendenaktion

Erleben sie mit tagesspiegel.de die ganz besonderen Veranstaltungen in Berlin und Umgebung. Hier können Sie sich Ihre Tickets zum Aktionspreis sichern.

Weitere Tickets...