Illustrator Gerhard Lahr : Die weite Welt der DDR-Bücher

Schneit es wirklich in Süditalien?, fragten sich DDR-Bürger, als sie Gerhard Lahrs Buchillustrationen sahen. Er hat die Kinderbücher der DDR ausgemalt und ihr eine unechte Weite verliehen. Als es ein Buch mit Panzerkommandanten sein sollte, sagte er Nein.

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Der Buchdeckel von Herbert Friedrichs "Krawitter-Krawatter".
Der Buchdeckel von Herbert Friedrichs "Krawitter-Krawatter".Foto: Privat

Wer in der DDR aufgewachsen ist, kennt Gerhard Lahr. Vielleicht nicht dem Namen nach, seine Bilder aber kennt man. „Bei der Feuerwehr wird der Kaffee kalt“, so hieß eins der Bücher, die er illustriert hat. Man erinnert sich an das Huhn, das gerade noch vor dem Feuerwehrauto zur Seite flattert, die Oma mit der roten Nase, die besorgt durch ihre große runde Brille schaut.

Die Bücherwelt der Kinder in der DDR war weit, viel weiter als die echte Welt. Die Bücher nahmen sie überall hin mit. Da ist Antonella, das Mädchen aus der italienischen Stadt mit ihrem roten Ballon. Allein der Name, Antonella. Die Kinder hießen Kathrin oder Christian und hatten noch nie eine italienische Stadt gesehen. Aber die Aquarelle, die Gerhard Lahr malte, setzten sich über derlei Kleinigkeiten mit leichten Strichen hinweg: die flachen terrakottafarbenen Dächer auf den hellen Häusern auf weißem, wattigen Boden – schneit es wirklich im südlichen Italien? Der Luftballonverkäufer mit seiner Baskenmütze, der täglich auf dem Marktplatz steht – gab es irgendeinen Marktplatz in der DDR, auf dem ein Luftballonverkäufer stand? Die Zeiger der Kirchturmuhr, die irgendwo im Ziffernblatt angebracht sind, nur nicht in der Mitte. 1969 wurde „Antonella und ihr Weihnachtsmann“ als schönstes Buch der DDR ausgezeichnet.

Gerhard Lahr - und einige seiner Illustrationen
Gerhard Lahr, rauchend vor seinem Haus.Alle Bilder anzeigen
1 von 7Foto: Privat
25.01.2013 11:28Gerhard Lahr, rauchend vor seinem Haus.

Auch Gerhard Lahr hatte fröhliche Pioniere mit Halstüchern gemalt, ganz am Anfang seiner Arbeit als Illustrator, als er 1962 von der Leipziger Hochschule für Buchkunst nach Berlin kam und die Aufträge noch rar waren. Einmal, viel später, sollte er eine Geschichte, in der Panzerkommandanten vorkamen, bebildern. Er erbat sich Bedenkzeit, man wusste ja nie, was auf eine Absage folgen würde, und sprach mit seiner Frau. Entweder machst du das Buch oder bleibst mit mir verheiratet, sagte sie. Und er lehnte den Auftrag ab. Keine Rüge folgte, keine Gängelei.

Sondern ein Auftrag poetischer Natur, „Der Rittersporn blüht blau im Korn“. Aus den Helmen zerbrechlicher Ritter sprießen blaue Blüten, zierliche Soldaten aus vergangenen Zeiten turnen durch ein Springkraut, dessen Samen aus Kanonen auf die gegenüberliegende Seite fliegen. Oft kamen die Modelle direkt in seinen Garten, der sich in allem unterschied von den gestutzten Rasenflächen der Nachbarn. Blumen wuchsen wild, Frösche saßen am Tümpel, Obelisken und Stücke der Schlossbrücke standen im hohen Gras, über dem ein Baumhaus schwebte. Das Huhn aus den „Krawitter-Krawatter“-Büchern stand eines Tages auf dem Sims des Küchenfensters, sprang herein und schlief auf seinem Sofa. Die Pferde für Strittmatters „Ponyweihnacht“ trabten über eine verschneite Koppel in der Umgebung. Das Vorbild für Falladas „Die Geschichte vom Mäuseken Wackelohr“ legte ihm sein Kater zu Füßen.

Überhaupt Fallada. Wenn er sich im Winter in dessen Haus in Carwitz zurückzog, am Morgen mit den Fischern auf den See hinausfuhr und am Abend ein Glas mit ihnen trank, in den Taschen immer die Pastellkreide, immer skizzierend, entstanden freie, starke Bilder. Er arbeitete oft bis zur Erschöpfung, meist nachts, zeichnete für eine Seite zwanzig Blätter, die er zweifelnd wieder wegwarf. Er rauchte und trank zu viel, versuchte, das Unglück zu vergessen, eines seiner Kinder war früh gestorben. Und dann die Wende. Kein einziger Auftrag mehr, von einem Tag auf den anderen.

2010 erst schien es wieder loszugehen. Er sollte einen Band für „Die Heiden von Kummerow“ illustrieren. Ein Jahr saß er über den Zeichnungen, die Lektoren waren begeistert. Aber dann kam dieser Brief: Stellen Sie die Arbeit ein. Mehr nicht. Gerhard Lahr, der Geige spielte und Handstand auf dem Wasserhahn in seinem Garten machte und dichtete auf dem Papier, nahm nie wieder einen Stift in die Hand. Es gilt das Wort, das einst der Illustrator Hans Baltzer über ihn schrieb: „Sehen muss man es, beschreiben ist kläglich.“

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