Impfen schon mit neun Monaten? : Berlin bekommt Masern nicht in den Griff

Kinder sollen mit neun statt elf Monaten die erste Impfdosis bekommen - der Aufruf des Impfbeirates hat einen akuten Grund: Täglich infizieren sich bis zu 15 Menschen mit Masern.

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Nur ein Piks. Masern sind alles andere als eine Kinderkrankheit, Impfpflicht besteht aber nicht. Julian Stratenschulte/dpa
Nur ein Piks. Masern sind alles andere als eine Kinderkrankheit, Impfpflicht besteht aber nicht.Julian Stratenschulte/dpa

Immer mehr Männer, Frauen und Kinder in Berlin infizieren sich mit Masern – der Senat, die Krankenkassen und Ärzteverbände haben deshalb ihre Aufrufe deutlich verschärft. Der Berliner Impfbeirat, dem die Senatsgesundheitsverwaltung angehört, forderte Eltern am Donnerstag ungewöhnlich direkt zum Impfen ihrer Kinder auf.

Am Tag stecken sich 15 Berliner mit Masern an

Bislang hatten Mediziner geraten, Kleinkinder ab elf Monaten impfen zu lassen, nun empfiehlt der Impfbeirat, schon neun Monate alten Babys die erste Impfdosis zu geben. Die zweite Impfung solle zu Beginn des zweiten Lebensjahres folgen. „Ein Ende der Masernwelle ist nicht abzusehen“, sagte Regina Kneiding, Sprecherin von Gesundheitssenator Mario Czaja (CDU), am Donnerstag. „Es gibt immer noch Tage, da stecken sich 15 Berliner an.“ Der Senator tue alles, was unterhalb der Impfpflicht möglich sei.
Czaja hatte eine solche Pflicht gefordert, nachdem im Februar ein Kleinkind aus Reinickendorf an den Folgen von Masern gestorben war. Vor allem die Grünen hatten eine Pflicht als Zwang zu einer Behandlung abgelehnt und darauf verwiesen, dass mehr als 90 Prozent der Berliner Grundschüler die besonders sichere Doppelimpfung bereits haben. Rechtlich und politisch ist eine Impfpflicht schwer umzusetzen, Kritiker befürchten, hartnäckige Verweigerer müssten zum Spritzen fixiert werden.

Mehr als 200 Betroffene liegen in Kliniken

Kleinkinder haben, wie berichtet, ein besonders hohes Risiko, an einer tödlichen Langzeitfolge zu erkranken, einer gefährlichen Hirnhautentzündung. Der Beirat fordert aber auch, Erwachsene ohne Schutz sollten die Immunisierung nachholen. „Auch wer ein Baby auf den Arm nimmt, muss gegen Masern geschützt sein“, teilte das Gremium mit. Neben dem Senat gehören dem Beirat die Berufsverbände von Ärzten und Apothekern sowie die Krankenkassen an. Derzeit sind 839 Fälle in Berlin registriert, die tatsächliche Zahl dürfte trotz Meldepflicht darüber liegen. In diesem Jahr hatten sich mindestens 718 Menschen in der Stadt infiziert, 205 Patienten wurden stationär in einer Klinik behandelt. Dies ist der größte Ausbruch seit Einführung des Infektionsschutzgesetzes 2001.

Dürfen Kinderärzte auch Erwachsene impfen?

Nicht beendet ist der Streit in den Berliner Praxen. Kinderärzten, die nicht nur Kinder, sondern auch deren Eltern impften, waren dafür die Kosten von der zuständigen Kassenärztlichen Vereinigung (KV) nicht erstattet worden. Ähnliches gilt für Gynäkologen, die nicht nur Frauen, sondern auch Männer versorgen. Diesen Facharztvorbehalt sehen Vorschriften des Sozialgesetzbuches vor. Ausnahmen bilden Notfälle – Masern aber zählen nicht dazu. Senator Czaja und die KV-Spitze verhandeln um entsprechende Änderungen: Die Berliner KV hatte schon vor Jahren mit den Kassen eine landesspezifische Impfvereinbarung ausgehandelt. Diese übliche Sondervereinbarung könnte hinsichtlich des Facharztvorbehalts geändert werden.
In Brandenburg sind im Laufe der aktuellen Masernwelle 78 Fälle, davon 69 im Jahr 2015 registriert worden. Gesundheitsministerin Diana Golze (Linke) sprach sich am Donnerstag erneut gegen eine Impfpflicht aus.

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