In OMAS ZEITung (5) : Eisenhower und die CARE-Pakete im Rathaus Neukölln

Dorothea Spannagel war Lokalreporterin im Berlin der 50er Jahre. Ihr Enkel Lars entdeckt ihre Texte neu. Diesmal: Wie Amerika Außenpolitik mit Zeitungen und Lebensmittelspenden machte.

von
Repro: TSP

Besondere Zeiten erfordern besondere Zeitungen. Das haben nach dem Krieg auch die amerikanischen Besatzer erkannt. Sie gründen im Oktober 1945 in München die „Neue Zeitung“, für deren Berliner Lokalteil meine Oma Thea ein paar Jahre später arbeitet. In der ersten Ausgabe des Blattes schreibt Dwight D. Eisenhower, damals Kommandeur der US-Truppen in Europa, später 34. Präsident der Vereinigten Staaten: „ ,Die Neue Zeitung‘, eine amerikanische Zeitung in deutscher Sprache, wird der neuen deutschen Presse durch objektive Berichterstattung, bedingungslose Wahrheitsliebe und durch ein hohes journalistisches Niveau als Beispiel dienen.“

Auch im Redaktionsalltag meiner Oma spielt das Wirken der Amerikaner eine Rolle. Naturgemäß kommen die Besatzer – die seit der Luftbrücke aus Sicht der meisten West-Berliner zu Beschützern geworden sind – auch in ihren Texten ziemlich gut weg. Am 5. Januar 1955 berichtet sie unter der Überschrift „Festtagsstimmung im Rathaus Neukölln“ von der Übergabe von CARE-Paketen, die US-Bürger für notleidende Berliner gespendet haben. „Und dann kamen die Paketempfänger an die Reihe“, schreibt sie. „Die kleinen Einkaufstaschen und Netze, die sie mitgebracht hatten, reichten für die dreizehnpfündigen Pakete kaum aus.“ Die meisten wollen die Lebensmittel sparsam verwenden und nur langsam aufbrauchen. Die Dankbarkeit ist groß. „Als ein Spendenverteiler einem älteren Herrn erklären wollte, dass er nun nach Amerika schreiben und sich bedanken könne, sah dieser ihn mitleidig an: ,Das ist doch das Erste.‘“

Illustration: Katharina Metschl

Bei aller Nächstenliebe sind die CARE-Pakete natürlich auch ein Werkzeug der US-Außenpolitik – genau wie die Gründung der „Neuen Zeitung“. Die USA wollen die Deutschen umerziehen, ihnen Demokratie beibringen. Die „Neue Zeitung“ ist dabei eines der wichtigsten und erfolgreichsten Instrumente. Zeitweilig liegt die Auflage bei 2,5 Millionen Exemplaren und erreicht in ganz Deutschland rund zehn Millionen Leser. Aus der Emigration zurückgekehrte Schriftsteller und Intellektuelle prägen das Blatt. Erich Kästner wird Feuilletonchef und schreibt später, in der Hauptredaktion in München sei es zugegangen „wie bei der Erschaffung der Welt“. Kästner berichtet von den Nürnberger Prozessen, Stefan Heym verfasst außenpolitische Leitartikel und Theodor W. Adorno sinniert im Feuilleton über die Funktion der Kunst. Im Berliner Büro, im selben Gebäude wie meine Oma, arbeitet Egon Bahr, der später zum Tagesspiegel wechselt und noch später Willy Brandts Ostpolitik entwirft.

Für die von Eisenhower angekündigte objektive Berichterstattung und bedingungslose Wahrheitsliebe sind im Berliner Lokalteil Menschen wie meine Oma zuständig. Jede Ausgabe der „Neuen Zeitung“ soll nun mal eine Portion Aufklärung enthalten – so nahrhaft und lebenswichtig wie das Pfund Schweineschmalz in jedem CARE-Paket.

Diese Kolumne ist gedrucktin der Tagesspiegel-Samstagsbeilage Mehr Berlin erschienen. Alle Folgen finden Sie unter diesem Link.

Autor

3 Kommentare

Neuester Kommentar