Industrie 4.0 : Digitalisierung der Industrie ist historische Chance für Berlin

Der nächste Olymp ist die umfassende Digitalisierung der Industrie. Deutschland muss als Hochlohn-Industrienation diese Entwicklung anführen. Für Berlin ist es die historische Chance, wieder eine prägende Rolle als internationales Wirtschaftszentrum zu erlangen. Ein Kommentar.

Sebastian Turner
Berlin sollte die Chance der Digitalisierung nutzen.
Berlin sollte die Chance der Digitalisierung nutzen.Foto: dpa

Die größten Talente des Planeten werden sich 2024 nicht in Berlin versammeln. Das kann Berlin bedauern – oder ändern, ohne IOC, ganz aus eigener Kraft. Zum einen kann die Hauptstadt ihrer norddeutschen Schwester Hamburg dabei helfen, Olympia-Austragungsort zu werden. Dann trifft sich die Jugend der Welt zumindest in der Nachbarschaft. Berlin bekommt heute aus Hamburg so üppig Länderfinanzausgleich, da ist es Ehrensache, der Hansestadt bei ihrem größten Wurf zu helfen. Berlin kann sich aber auch selbst helfen mit einem Trainingsprogramm, das der Stadt schon mehrfach Erfolg gebracht hat: dem Gewinnen von Talent.

Die erste Branche, die in Berlin nach dem Fall der Mauer blühte, war die Kunst

Die erste Branche, die in Berlin nach dem Fall der Mauer blühte, war die Kunst. Das Talent kam scheinbar von allein. Ihm folgten die Galerien, dann die Sammler und schließlich die Sammlungen. Tatsächlich war die bundesweit einzigartige Fülle von Kunsthochschul-Studienplätzen einer der Lockstoffe, dem die Talente folgten. Ein kaum beachteter Studiengang an der heutigen Universität der Künste war einer der wichtigsten Katalysatoren der heute führenden Kommunikationsstadt Berlin. Die „Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation“ zog die Talente an, denen erst die Agenturen, dann die Marketingleute und die Kommunikationsetats folgten. Vorläufiger Höhepunkt: Mercedes Benz vergibt seinen weltweiten Etat an eine Agentur, die gerade erst in Berlin gegründet wurde.

Weit sichtbarer und von größerem Gewicht für die Stadt ist die Gesundheitswirtschaft. Der Sektor beschäftigt in Berlin mehr Menschen, als manche deutsche Landeshauptstadt Einwohner hat. Motor für die Entwicklung der Branche ist die Charité und die Anziehungskraft ihrer vielen Medizinstudienplätze. Den jungen Talenten folgten sogar traditionsreiche Großunternehmen, zum Beispiel Bayer, Sanofi und Pfizer.

Die Wissenschaft ist eine der größten Stärken Berlins

Die Strategie, mit Studienplätzen erst die Talente und dann die Arbeitsplätze anzulocken und zu binden, ist also erprobt. Sie ist weit erfolgreicher, als mit öffentlichem Geld für unternehmerische Gigantomanie zu haften, wie es Brandenburg mit Chipfabrik und Cargolifter vorgeführt hat. Der Berliner Weg mit Investitionen in Wissenschaft und Talent dürfte mit der anhaltenden globalen Mobilität sogar noch größere Früchte tragen. Kaum eine Stadt ist dafür besser vorbereitet: Die Wissenschaft ist eine der größten Stärken Berlins und ihre Ausstrahlung für junge Menschen ungebrochen.

Der nächste Olymp ist die umfassende Digitalisierung der Industrie. Die Schlagwörter heißen Internet der Dinge und Industrie 4.0. Die Hochlohn-Industrienation Deutschland ist darauf angewiesen, diese Entwicklung anzuführen. Für das durch Teilung und DDR-Untergang deindustrialisierte Berlin ist es die historische Chance, wieder eine prägende Rolle als internationales Wirtschaftszentrum zu erlangen.

Der Weg sind nicht Firmensubventionen

Der Weg sind nicht Firmensubventionen, sondern Professuren und Studienplätze, aber nicht gekleckert, sondern geklotzt: 100 zusätzliche Professoren für IT, um deren Einrichtung sich die Berliner Hochschulen bewerben. Wenn Berlin heute beschließt, in den nächsten Jahren mehr IT-Professuren einzurichten, als jede andere Hochschulstadt in Europa vorzuweisen hat, dann sind im Jahr 2024 nicht nur die Talente in Berlin, sondern auch der Wohlstand – zu einem Preis, für den man ein Olympiastadion nicht einmal modernisieren kann.

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