Initiativen für Berliner Bedürftige : Die Pfandkönige

Sie wühlen in Mülleimern, lauern in Parks: Flaschensammler kämpfen um die besten Plätze in der Stadt. Viele Initiativen versuchen, ihnen zu helfen – die City-West will jetzt Sammelbehälter aufstellen.

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Wühlen und finden. Das Suchen in Abfalleimern kann gefährlich sein.
Wühlen und finden. Das Suchen in Abfalleimern kann gefährlich sein.Foto: dapd

Weggeworfene Pfandflaschen bleiben in Berlin meist nicht lange herrenlos. Vor allem in der Innenstadt gehören Flaschensammler zum alltäglichen Stadtbild: Sie greifen in die orangefarbenen BSR-Papierkörbe am Straßenrand, schwärmen zu Fußballspielen und Großveranstaltungen aus, agieren als „mobile Flaschen-Annahme“ vor dem Brandenburger Tor oder sitzen mit Sammeltüten auf dem Charlottenburger Breitscheidplatz. Verschiedene Initiativen wollen den Flaschensammlern das Leben erleichtern. Der jüngste Vorstoß stammt aus der City-West.

Für Donnerstag wird ein einstimmiger Beschluss der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Charlottenburg-Wilmersdorf erwartet, der das Bezirksamt auffordert, ein Modellprojekt zu prüfen. An Abfallkörben könnten Vorrichtungen angebracht werden, „um den Menschen, die Flaschen sammeln, das gefährliche Greifen in den Papierkorb zu ersparen“, heißt es. Der Antrag war eine Initiative der Grünen-Fraktion, der sich zuerst die Piraten- und die Linksfraktion anschlossen. Im BVV- Sozialausschuss haben auch die CDU und die SPD bereits dafür votiert.

Ganz neu ist die Idee nicht – mancherorts in Prenzlauer Berg und Kreuzberg sieht man gelegentlich Getränkekisten, die in der Mitte zersägt und dann mit Kabelbindern an Laternenmasten befestigt wurden. Diese Konstruktionen stammen von der bundesweiten Initiative „Pfand gehört daneben“, die ihre Wurzeln in Berlin hat. Zu den Unterstützern gehören Bands wie die Beatsteaks, Jennifer Rostock oder Smith & Smart sowie der Fernseh- und Radiomoderator Nils Bokelberg. In Charlottenburg-Wilmersdorf steht dagegen noch nicht fest, wie die Flaschenhalter aussehen könnten.

Laut Grünen-Fraktionschef Alexander Kaas Elias soll ein sozialer Träger für das Modellprojekt gesucht werden. Die BSR kann sich mit dem Vorhaben bisher nicht anfreunden. Die Stadtreinigung sehe die „Gefahr zusätzlicher Verschmutzungen und Verletzungen durch Glasflaschen“, sagt BSR-Sprecher Bernd Müller. Es gehe dabei auch um Haftungsfragen. Möglicherweise kann das Bezirksamt die Flaschenhalter deshalb zunächst nur an Standorten erproben, wo es selbst den Müll beseitigt.

Profi-Sammler. Gerhard hat während der Fußball-EM im Sommer sein System am Brandenburger Tor perfektioniert. Bei Großevents machen die Flaschensammler häufig guten Umsatz, dementsprechend hart ist der Konkurrenzkampf.
Profi-Sammler. Gerhard hat während der Fußball-EM im Sommer sein System am Brandenburger Tor perfektioniert. Bei Großevents machen...Foto: dapd

Ein anderes Problem benennt der Gründer des Internetportals „Pfandgeben.de“, Jonas Kakoschke. Er fürchtet, dass die Bedürftigen zu kurz kommen könnten, wenn das Leergut einfach in Behältern am Gehwegrand liege. „Das macht es leicht für alle möglichen Leute, die Flaschen mitzunehmen, wenn sie gerade auf dem Weg in den ,Späti’ sind“. Er habe das schon vereinzelt in Berlin beobachtet.

Bei seinem eigenen Hilfsprojekt hat Kakoschke darauf geachtet, nicht in Konkurrenz zu den Flaschensammlern zu treten. Die Idee für den Abholservice „Pfandgeben.de“ entstand in seiner WG: „Keiner hatte Lust, die vielen leeren Flaschen wegzubringen“, erinnert sich der 29-Jährige, der Kommunikationsdesign an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) studiert. Seit Mitte 2011 listet die Webseite bundesweit die Handynummern von Flaschensammlern auf. Wer Pfandflaschen einfach und gratis loswerden will, ruft einen aus der Liste an. Die sind nur mit Vornamen oder Pseudonymen wie „Pfandkönig“, „Flaschengeist“ und „Fleißiges Bienchen“ verzeichnet.

„Das System basiert auf Vertrauen“, sagt Kakoschke. Von Diebstählen oder anderen Straftaten habe er noch nie gehört. Ärger gebe es höchstens mal, wenn ein Flaschensammler nicht ans Telefon gehe oder den Termin verschwitze. Bald sollen Nutzer des Portals die Dienste der Sammler bewerten können. Dieses Feedback werde aber lediglich der internen Qualitätssicherung dienen und nicht veröffentlicht, sagt Kakoschke.

Er und ein befreundeter Webdesigner betreiben „Pfandgeben.de“ ehrenamtlich. Der Erfolg hat die Gründer überrascht: Ursprünglich hatten sich 15 Flaschensammler aus Berlin beteiligt, inzwischen stehen mehr als 1200 aus ganz Deutschland im Verzeichnis – darunter rund 350 aus Berlin, das den Spitzenplatz einnimmt. Auf der Auswahlseite sind die Bezirke und Ortsteile einzeln aufgeführt. Vergleicht man die Zahlen der Flaschensammler, ergibt sich ein an den Sozialatlas erinnerndes Bild: In Neukölln gibt es mit derzeit 36 die meisten, in Zehlendorf dagegen nur fünf.

Eine andere Möglichkeit, mit dem Flaschenpfand bedürftigen Menschen zu helfen, bieten manche Supermärkte. Lidl zum Beispiel hat deutschlandweit rund 5000 Rückgabeautomaten mit einem „Pfandspendenknopf“ versehen. Das Pfandgeld – je nach Flasche acht bis 25 Cent – kommt dann dem Verband „Deutsche Tafel“ zugute. Dessen Mitglieder wie die „Berliner Tafel“ holen Lebensmittelreste aus dem Handel und der Gastronomie ab, um Bedürftige zu speisen.

Flaschensammlern gehe es aber nicht nur ums Geld, hat Jonas Kakoschke beobachtet. Viele bräuchten das Gefühl, eine Beschäftigung zu haben. Bei seinem Abholservice gehe es auch um Kommunikation: „Wir machen möglichst viel von Mensch zu Mensch.“

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