Integration : Ehrenamtliche retten vor „Ehrenmord“

Nach dem gewaltsamen Tod der jungen Türkin Hatun Sürücü hilft ein Verein Migrantinnen in Not. Integrationsexperten loben das Projekt als vorbildhaft.

Annette Kögel

Berlin Die 19-jährige Fatma (Name geändert) wirkt auf den ersten Blick wie eine ganz normale Jugendliche. Doch sie hat die Hölle hinter sich, davon zeugen die Narben nahe der Pulsader, die Tränen: „Mein eigener Vater hat mich zur Strafe tagelang an den Bettrahmen gefesselt, weil ich mit Freunden nachmittags im Kino war. Und meine Brüder haben ihn unterstützt.“ Der Vater wollte sie zwangsverheiraten, bedrohte sie mehrfach mit dem Messer, zuletzt fühlte sich Fatma von einer Person verfolgt. Da wandte sich die Gesamtschulabsolventin aus dem Rheinland an diese Berliner Adresse, von der ihr ein Freund erzählt hatte: den Frauennothilfeverein „Hatun und Can e.V.“: „Hilfe! Ich habe solche Angst“, mailte sie, „das Einzige, was ich Ihnen sagen kann, ist: Ich bin in Lebensgefahr.“

Vor ihrer Flucht hatte Fatma auf einer Polizeimeldestelle Schutz gesucht, dann aber ihr Schicksal in die Hände des bundesweit einzigartigen Vereins aus Berlin gelegt. Die anonym wirkenden Mitglieder, fast alle junge Migrantinnen, machten sich innerhalb von Stunden auf den Weg, erstatteten das Geld fürs Zugticket, kümmerten sich um die heimliche Unterbringung in einer kirchlichen Kriseneinrichtung, besorgten Fatma eine Qualifizierungsmaßnahme, Hartz IV, eine eigene Wohnung. Auch dank der Unterstützung des Opferhilfevereins Weißer Ring werden Kaution, Miete und Möbel gezahlt. „Der Tag, als die Vereinsmitglieder mit mir Boot fahren waren, war der glücklichste meines Lebens“, sagt Fatma.

Bereits vier Frauen und einer Familie, die Mehrzahl aus Berlin, hat „Hatun und Can“ seit der Vereinsgründung vor vier Monaten dank 16.000 Euro Privatspenden in lebensbedrohlichen Situationen geholfen. Die Grünen im Abgeordnetenhaus und die langjährige Berliner Ausländerbeauftragte Barbara John (CDU) fordern den Senat angesichts dieser Resonanz nun auf, das bisherige öffentliche Hilfesystem auf seine Leistungsfähigkeit zu überprüfen. Die Grünen-Abgeordnete Bilkay Öney hat eine kleine Anfrage an den Senat gestellt, sie will wissen, wie er die Arbeit von „Hatun und Can“ beurteilt „und wie er diese Arbeit unterstützt“.

„Man muss sich schon fragen, was die Finanzierung der vorhandenen Apparate rechtfertigt, wenn sie nicht ausreichend handlungsfähig sind“, sagt Barbara John. „Selbst ein Mitarbeiter des Integrationsbeauftragten und auch der Mädchenhilfsverein Papatya haben schon Mädchen an uns verwiesen“, sagt Vereinsgründer und Rechtsexperte Andreas Becker, einst Vertrauter von Hatun Sürücü – jener Türkin, die wegen ihrer Lebensweise von ihrem Bruder erschossen wurde.

Vertreter von Papatya, die Anwältin Seyran Ates sowie betroffene Migrantinnen beklagen, dass die Bearbeitung von Anträgen zu bürokratisch laufe, zu lange dauere. „Gerade bei Ersuchen für 18- bis 21-Jährige müssen auf den Ämtern kleinkarierte und engherzige Kämpfe ausgetragen werden“, sagt der Integrationsbeauftragte Günter Piening. In dieser Altersgruppe sei es eine Ermessensentscheidung, etwa die Unterbringung zu finanzieren. Piening sieht den bereits international tätigen Verein „Hatun und Can e.V.“ als „einen zivilgesellschaftlichen, weiteren Akteur im sehr gut mit Hilfsangeboten ausgestatteten Berlin“.

Den Gang zur Polizei wagen aber längst nicht alle Frauen, weil sie Racheakte der Familie nach einer Anzeige fürchten. Dass sie als ehrenamtliche Privatpersonen gefährliche Aufgaben übernehmen, ist den Vereinsmitgliedern bewusst. Sie wollen sich jetzt mehr bei der Polizei absichern, kooperierten bereits, etwa beim Abflug eines tunesischstämmigen Paares, dem sie die Flucht außer Landes ermöglichten. Der Fall war polizeibekannt, das Paar wurde wegen der „unerwünschten Ehe“ von der Großfamilie verfolgt. Für eine regelmäßige Zusammenarbeit fehlt der Polizei aber ein professionelles Konzept von „Hatun und Can“, etwa zur Kooperation mit Hilfseinrichtungen und Therapeuten.

Derweil sind die Helfer nicht zu bremsen. Sie ermöglichten zwei Deutschtürkinnen, in Berlin unterzutauchen, zahlten verfolgten Berlinerinnen den Neuanfang mit einer eigenen Wohnung. Eine junge Türkin aus dem Verein knüpft gerade in Istanbul Kontakte mit Frauenhäusern. „Ständig kommen neue Anfragen“, sagt Becker. Auch von internationalen Medien. Eine Frankfurter Amtsrichterin will dem Verein Bußgelder zuweisen. Eine Spende kam jetzt sogar aus Japan.

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