Interview mit Bodo Wartke : „Die Texte bei Mozart sind völlig bescheuert!“

Der Kabarettist und Schauspieler Bodo Wartke über späte Freuden am Liebeskummer, die besten Seiten von Berlin und die Antwort auf die Frage „Was, wenn’s nicht klappt?“

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Gibt den Takt vor: Bodo Wartke, Klavierkabarettist und Schauspieler, lässt sich manchmal von einem ganzen Orchester begleiten.
Gibt den Takt vor: Bodo Wartke, Klavierkabarettist und Schauspieler, lässt sich manchmal von einem ganzen Orchester begleiten.Foto: imago/STAR-MEDIA

Seit 20 Jahren steht Bodo Wartke auf der Bühne, fast ebenso lang lebt er in Berlin. Bekannt wurde der 38-Jährige durch Klavierkabarett „in Reimkultur“, aber er setzt auf der Bühne auch immer wieder neue Instrumente ein, und bei seinem Programm „Swingende Notwendigkeit“ begleitet ihn das 16-köpfige Capital Dance Orchestra. Bekannt ist auch seine Solo-Version der Tragödie „König Ödipus“, bei der er auf der Bühne alle 14 Rollen spielt: Mit allen drei Elementen – Klavierkabarett, Schauspiel, Orchesterbegleitung – füllt er im September an drei aufeinanderfolgenden Abenden den Admiralspalast. „Viele Leute kommen von Sonstwo und gucken sich alle drei Programme an, total krass“, sagt er im Interview.

 

Herr Wartke, eine Frage für alle Bodos unter unseren Lesern: Wie oft werden Sie noch gefragt, ob Bodo Ihr richtiger Vorname ist?

Oft. Wenn ich in Dortmund auftrete, thematisiere ich das gerne und sage: „Ich werde oft gefragt, ob Bodo mein richtiger Name ist oder ein Spitzname – es ist aber eine Abkürzung für Borussia Dortmund.“ In Gelsenkirchen kann ich das natürlich nicht sagen…

Jetzt kommen Sie gerade von einer Tour mit Ihrem Programm „Swingende Notwendigkeit“, bei dem Sie Lieder aus Ihrem Klavierkabarett-Programm mit Orchester aufführen. Was machen Sie denn am ersten Tag nach der Tour?

Schlafen, abhängen, auspacken, Freunde anrufen, einkaufen gehen.... Ich habe einen sehr schönen Satz gehört: „Die Seele braucht zwei Tage, bis sie ankommt.“ Ich glaube, da ist was dran. Blöd ist es immer, nur einen oder zwei Tage frei zu haben. Ich liebe es, auf Tour zu sein, aber wichtig ist die Zeit davor und danach.

Was ist da wichtig?

Wenn ich fünf Mal hintereinander auftrete, ist der fünfte Auftritt der eine zu viel. Mir macht es wahnsinnig viel Spaß auf der Bühne, aber es kostet mich auch sehr viel Energie. Das geht dem Orchester übrigens auch so. Man darf das nicht unterschätzen, gerade bei dem Programm bin ich wirklich die ganze Zeit auf den Beinen, springe und tanze. Das Wochenende ist eine sinnvolle Erfindung, und ich brauche das auch, ich hab’s halt nur an anderen Tagen – in der Regel Montag und Dienstag.

Das ist dann aber ja meistens nicht so ein richtiges Wochenende, oder?

Nein, zumal: Zu meiner Arbeit gehört ja auch, mir Stücke auszudenken, zu komponieren und zu schreiben. Viele Kollegen machen das anders, die leben auf der Bühne, die wollen auch nirgendwo anders sein. Ich finde es wichtig, dass sich auch abseits der Bühne noch ein Leben ereignet. Irgendwoher müssen die Ideen ja kommen, über die ich meine Lieder schreibe.

Sie nehmen sich dann frei und sagen: Jetzt komponiere ich, jetzt texte ich?

Jein. Ideen kommen nicht auf Knopfdruck. Ich kann mich nicht morgens um neun hinsetzen, schreibe den ersten Song und mache um eins Mittagspause. So funktioniert das nicht bei mir – bei anderen Leuten schon, Reinhard Mey zum Beispiel: Ein Jahr lang schreibt der ein neues Album, geht morgens ins Büro und schreibt. Dann produziert er seine Platte, geht auf Tour und spielt 60 Auftritte am Stück, früher 80, ohne Pause, ohne Off-Day, jeden Tag in einer anderen Stadt. Reinhard ist 74, und ich denke mir: „Unfassbar, wie macht der das?“ Zu mir kommen Ideen am besten, wenn ich ihnen den Freiraum dazu gestatte. Wenn ich schreibe, dann meistens nebenbei. Und ich bekomme oft Ideen, wenn’s gerade gar nicht passt, in der Sauna, beim Wäsche aufhängen, im Wartezimmer eines Arztes…

Aber inhaltlich geht es in Ihren Liedern ja nicht nur um die Sauna oder das Wäsche aufhängen.

Oft kommen mir dann Ideen, die sind inspiriert von Ereignissen, die Jahrzehnte zurückliegen, bei denen ich damals nicht gedacht hätte, dass da vielleicht mal ein Song draus werden könnte. Zum Teil waren da auch blöde Erlebnisse dabei, bei denen ich mir erst dachte: So ein Mist, wäre mir das besser mal erspart geblieben! Und irgendwann, viel später habe ich eine Idee, mit der ich das verarbeiten kann, und dann fängt das an, sich zu drehen, dann denke ich: Gottseidank hatte ich damals so schlimmen Liebeskummer, denn sonst würde es diesen Song jetzt nicht geben. Das ist für mich auch ein Prozess der Verarbeitung, des Loslassens und des Paradigmenwechsels im Idealfall. Wenn ich ein Lied über etwas schreibe, hilft mir das auch, Frieden damit zu finden.

War das auch so bei „Christine“, dem 2012 erschienenen Lied über Ihre Schwester, die kurz nach der Geburt verstorben ist (hier als MP3 zum Anhören)?

Dem Lied „Christine“ ist eine Erkenntnis vorausgegangen, nämlich: dass ich kein Einzelkind bin. Dass meine Schwester zwar gestorben ist, aber ich eben eine habe. Vorher habe ich jahrzehntelang erzählt, ich sei Einzelkind. Als ich das bewusst realisiert habe, hat mir das sehr viel Trost gespendet. Und erst nach dieser Erkenntnis war ich in der Lage, dieses Lied zu schreiben.

Christine ist ein sehr persönliches Lied. Aber bemerkenswerterweise gab es dazu erst die Melodie, später kam erst der Text dazu. Wie ist das sonst bei Ihnen?

Oft ist es so, dass ich erst den Text schreibe und dann die Musik oder ich, während ich schon Textfragmente habe, überlege, welche Musik dazu passen könnte. Dabei versuche ich, den Sätzen und Worten die Musik abzulauschen, die ihnen schon innewohnt. Alles, was man sagt, hat ja einen Klang, eine Betonung, einen Rhythmus. Das bringe ich in der Musik auf den Punkt. Der umgekehrte Weg ist völlig anders, aber im Idealfall mit dem gleichen Resultat. Bei „Christine“ war es so, dass ich die Musik komponierte, als ich 14 oder 15 Jahre alt war, als Instrumentalstück. Ich hatte nicht vor, dazu einen Text zu schreiben, aber ich hatte ein deutliches Gefühl, eine gewisse Melancholie. Später schrieb ich dann diesen Text, und währenddessen kam mir diese Musik in den Sinn und ich dachte: Das passt, das ist ja genau das Gefühl. Jetzt habe ich die Worte.

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