Berlin : Irma Gabel-Thälmann: Geb. 1919

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In der DDR war es eher unüblich, dass Frauen ihren Mädchennamen nach der Hochzeit beibehielten und den Namen des Mannes mit Bindestrich dazutaten. Irma Gabel-Thälmann hat es getan.

Der Name ihres Vaters konnte einfach nicht der bürgerlichen Ehe-Institution geopfert werden. Der Vater war Ernst Thälmann, in der Weimarer Republik Vorsitzender der Kommunistischen Partei Deutschlands, 1944 im KZ Buchenwald von den Nazis umgebracht. Ernst Thälmann war einer der Säulenheiligen der SED. In der DDR gab es kaum eine Stadt ohne Ernst-Thälmann-Straße, unzählige Denkmäler erinnerten an ihn, die DEFA drehte drei Spielfilme über ihn. Fast alle Schulkinder bekamen in der dritten Klasse rote Tücher um den Hals gebunden als Zeichen dafür, dass sie von nun an Thälmann-Pioniere waren. Nicht wenige von ihnen lernten zu diesem Anlass Irma Gabel-Thälmann kennen. Bei unzähligen Pionierveranstaltungen war sie zu Gast, um über ihren Vater zu erzählen. Sie war dafür zuständig, die menschliche, die väterliche Seite des "Helden der Arbeiterklasse" zu präsentieren.

Das war ein Full-Time-Job. Irma Gabel-Thälmann arbeitete nur zwei Jahre ihres Lebens in einem "normalen" Beruf - als Kaderinstrukteurin im Ministerium für Schwermaschinenbau. Sonst war sie Tochter. Als solche wurde sie herumgereicht, erhielt eine Auszeichnung nach der anderen, bekleidete verschiedene Ehrenämter, erzählte nicht nur Pionieren von ihrem Vater, sondern saß auch auf Podien vor Betriebsversammlungen, FDJ-Gruppen und NVA-Kompanien und trat bei Gedenkveranstaltungen für die Opfer des Nationalsozialismus auf. Leben konnte sie von einer Rente, die in der DDR "Verfolgte des Nazi-Regimes" bekamen - die Höhe bemaß sich danach, ob man als "Opfer" oder als "Kämpfer" eingestuft wurde. Letztere bekamen mehr. Irma Gabel-Thälmann hatte den "Kämpfer"-Status.

Sie war eine einfache Frau, die mit einfachen Worten über den hoch verehrten Vater erzählte. Die komplizierten Zusammenhänge der Machtkämpfe an der Spitze der kommunistischen Partei, die Konflikte innerhalb der Arbeiterbewegung in der Weimarer Republik waren ihr Thema nicht. Dass der Vater hier eine durchaus fragwürdige Rolle spielte - er trimmte die Partei auf streng stalinistischen Kurs -, war in der DDR ein Tabu, Irma Gabel-Thälmann mochte auch nach dem Ende der DDR an dem Ruf Ernst Thälmanns nicht kratzen lassen.

Als die PDS begann, die Vergangenheit der deutschen Kommunisten kritischer zu betrachten, konnte es nicht ausbleiben, dass auch der KPD-Vorsitzende vom allzu hohen Sockel gestoßen wurde. Für Irma Gabel-Thälmann war das ein Grund, aus der Partei auszutreten. In einem Interview beschwerte sie sich 1994, dass die PDS sich um sie nicht mehr kümmere. Sie hielt ihre Sonderrolle als Tochter für selbstverständlich.

Besonders viel kann sie von ihrem Vater zu dessen Lebzeiten nicht gehabt haben. Als Berufsrevolutionär hatte er nicht viel Zeit für die Familie. Die ersten Jahre von Irmas Leben waren auch die ersten Jahre der Weimarer Republik. Jahre, in denen sich Leute wie Ernst Thälmann die größten Hoffnungen auf einen Umsturz machten. Jahre, in denen Umstürzler viel zu tun hatten. Als sich die Republik stabilisierte, wurde der Vater Parteivorsitzender und hatte noch mehr zu tun. Als die Republik zerstört und die Nazis an der Macht waren, wurde er verhaftet und kam ins Zuchthaus. Das war 1933, Irma war gerade 13 Jahre alt.

Ihre prägenden Erinnerungen, jene, von denen sie später immer wieder erzählte, setzten nun ein. Wenn sie ihren Vater im Zuchthaus besuchen durfte, besonders oft war das nicht, dann erlebte sie stets einen standhaften Kämpfer, einen, der das große Ziel nie aus den Augen ließ. So erzählte sie es. Nichts erzählte sie von der Enttäuschung Thälmanns, der hoffte, von Stalin aus dem Gefängnis herausgetauscht zu werden. Zum letzten Mal sah Irma den Vater 1943, zehn Jahre nach dessen Verhaftung im Gerichtsgefängnis Hannover.

Ein Jahr später wurde sie selbst zusammen mit ihrer Mutter festgenommen und in ein Nebenlager des KZ Ravensbrück gebracht. In ihrer Polizei-Akte stand der Vermerk "Rückkehr unerwünscht". Zwei Monate nach der Festnahme der beiden Frauen wurde Ernst Thälmann umgebracht. Sie erfuhren es von ihren eigenen Bewachern. Die beiden hatten großes Glück und überlebten die Haft.

Die schlimmen Erfahrungen, die Irma Thälmann in der Nazi-Zeit machen musste, der Tod des Vaters und die Befreiung durch die Rote Armee waren genug Gründe, zunächst in der KPD, dann in der SED beim Aufbau einer "guten Gesellschaft" mitzuarbeiten. Sie nahm dabei die Rolle ein, die man ihr zudachte.

Als die DDR zusammenbrach, erschien ihr das wie die mutwillige Zerstörung des Vermächtnisses des Vaters. Was blieb ihr übrig, als selbst in der PDS eben dieses Vermächtnis kritisiert wurde? Fast 50 Jahre lang war sie die Tochter eines unangefochtenen Helden gewesen, eines Märtyrers, der sein Leben für das große Gute gegeben hatte.

Nun bot ihr ein 500-Leute-Häuflein namens Kommunistische Partei Deutschlands eine neue Heimstatt. Hier war sie noch wer. 1994 machten ihre neuen Genossen die Tochter zur Kandidatin. Zur Bundestagswahl trat sie unter der Wahllosung "Arbeit, Brot und Völkerfrieden" an, unter demselben Motto hatte schon der Vater um Wählerstimmen geworben. Irma Gabel-Thälmanns Wahlkreis war Friedrichshain / Lichtenberg, einer der Wahlkreise, in dem die PDS auf eines ihrer bitternötigen Direktmandate hoffte. Die PDS gewann, "Teddys Tochter" von der KPD bekam 266 Stimmen.

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