Jahrestag der Attentate : Berlin gedenkt der Toten von Utöya und Oslo
23.07.2012 00:00 UhrSie sang zum Gedenken das Lied „Mitt lille Land“, mein kleines Land, und dass es die Sängerin ergriffen hat, merkt man ihr noch nach dem Gottesdienst an. „Ich hatte mir zur Vorbereitung nochmal die Version unserer Künstlerin Maria Mena auf Youtube angeschaut, das ging mir durch und durch“, sagt die Norwegerin Inger Torill Soyland Narvesen.
Die 25-Jährige aus Stavanger im Südwesten Norwegens studiert gerade Gesang in Berlin und wollte den Gedenkgottesdienst am gestrigen Sonntag in der norwegischen Seemannskirche an der Landhausstraße 26-28 in Wilmersdorf gern mitgestalten. Es war der erste Jahrestag des Massakers, bei dem der Norweger Anders Behring Breivik in Oslo und im Jugendlager der sozialdemokratischen Jugendorganisation auf der kleinen Ferieninsel Utöya 77 Menschen ermordete.
Tausende Skandinavier in Berlin und Potsdam, aber auch gebürtige Deutsche sowie Vertreter der Botschaften nahmen an Gedenkveranstaltungen teil. Um 15.22 Uhr, dem Zeitpunkt des Beginns des Unfassbaren, fand in den nordischen Botschaften in Tiergarten eine Gedenkminute statt. Am Abend sollte die Gedenkfeier aus Oslo in den nordischen Botschaften live im Fernsehen übertragen werden.
Video: Norwegen trauert um Attentatsopfer
Für Jonas Tylewski ist der Tag noch sehr präsent. „Ich war damals bei einer Jugendbegegnung in den Vereinigten Staaten und musste unserer Gruppe, auch den Norwegern, die schreckliche Nachricht überbringen“, sagt der junge Mann aus Frankfurt am Main. Jetzt ist er mit einer Gruppe von 35 Jugendlichen aus sieben Ländern zu einer EU-Begegnungsfahrt in Berlin, die jungen Leute sitzen nach dem Gottesdienst an den Gartentischen an der Landhausstraße, gleich nebenan hat die schwedische Victoria-Gemeinde ihr Zuhause.
Am Gottesdienst in Wilmersdorf nahm auch eine junge Norwegerin teil, die das Massaker im Ferienlager vor einem Jahr überlebte. Reden will sie aber nicht darüber, auch nicht ein Jahr später, und erst recht nicht öffentlich.
„Wir sind in einem so kleinen Land Zuhause, da war für alle von uns jeder der Ermordeten ein Bruder, ein Freund, ein Angehöriger“, sagt ein Norweger, der in dem hellen, freundlichen Bau der Kirche in Wilmersdorf in einem Sessel sitzt und mit Sängerin Inger Torill Soyland Narvesen über alles redet.
Bildergalerie: Gedenken am Jahrestag der Attentate von Oslo und Utöya
Martina Akeson Wollbo kommt aus Schweden, von der kleinen Insel Gotland, und sie ist während vier Sommerwochen als Austauschpfarrerin in Berlin. Das Kerzenanzünden auch im Gottesdienst sei für die Menschen ein wichtiges Ritual, sagt sie. „Danach ist ein junger Mann aus der Jugendgruppe zu mir gekommen, er sagte, er sei Moslem, und er habe den christlichen Gottesdienst sehr genossen“, sagt Martina Akeson Wollbo. „Ich war in den ersten Stunden nach den furchtbaren Nachrichten so froh, dass es sich bei dem Täter nicht, wie anfangs vermutet, um einen Islamisten gehandelt hat“, sagt ein Norweger in der Kirche. Das hätte seiner Überzeugung nach damals den Weltfrieden gefährden können.

































