Jahrestag : Die Wunden der Lepsiusstraße

Es war der 4. August 1998, 6.01 Uhr, als im Berliner Stadtteil Steglitz ein Mietshaus explodierte. Sieben Menschen kamen bei der Katastrophe ums Leben.

Tanja Buntrock
Lepsiusstraße
Auf dem Schuttberg. In den Morgenstunden eilten 400 Rettungskräfte an den Unfallort. -Foto: Ullstein

Die Wucht der Detonation ließ die Wände noch kilometerweit entfernt wackeln. Es war 6.01 Uhr, als die Gasexplosion das Haus in der Steglitzer Lepsiusstraße 57 zerstörte.

Albrecht Broemme erinnert sich zehn Jahre später noch sehr genau an jenen 4. August 1998. Der damalige Feuerwehrchef Berlins lag nur wenige Straßen entfernt vom Unglücksort in seinem Bett. Zwei Tage zuvor war er aus seinem Griechenlandurlaub zurückgekommen. Den Knall nahm der heute 55-Jährige „ganz dumpf im Schlaf wahr“. Kurz darauf schellte das Telefon. „Es hat fürchterlich gerumst in der Lepsiusstraße“, sagte sein Mitarbeiter vom Lagedienst am anderen Ende der Leitung. Sieben Minuten später stand der Feuerwehrchef im Einsatzanzug vor dem Trümmerhaufen in der Lepsiusstraße.

„Den Geruch vergesse ich nie“, sagt Broemme. Der feine Sand aus der Staubwolke kroch sofort in die Atemwege. „Und es roch nach Gas, so extrem, dass ich schon vom ersten Moment an wusste, dass es eine Gasexplosion gewesen sein musste.“ 60 Stunden später war klar, dass es sich um das schwerste Gasunglück in der Nachkriegsgeschichte Berlins handelte. Sieben Menschen waren ums Leben gekommen.

Dort, wo vor zehn Jahren nur noch eine Ruine stand, spaziert Jutta Goerke, eine kleine kräftige Frau, mit ihrer Hündin an der Leine die Straße entlang. Die 66-Jährige lebt in dem weißen Neubau, der zwei Jahre nach dem Unglück an genau jener Stelle gebaut wurde, wo das alte Haus dem Erdboden gleichgemacht worden war. Die Rentnerin wohnt im zweiten Stock , dort, wo damals ihr Sohn Michael lebte – überlebte. Als einziger der Mieter, die sich während der Explosion im Gebäude befanden, wurde er lebend aus den Trümmern geborgen. Der damals 33-Jährige trug nur leichte Beinverletzungen davon. Seine Mutter Jutta, die damals in Lichterfelde wohnte, bedrücken die Erinnerungen an das Unglück noch immer. „Es belastet einen ja doch noch psychisch, diese Bilder, diese Stunden der Ungewissheit“, sagt sie. Ihr Sohn lebe seitdem in Brandenburg und wolle „über die ganze Sache nicht mehr reden“.

"Oh, Gott, da wohnt doch mein Sohn"

Schon bald nachdem die Retter angefangen hatten, den Schutt abzutragen, hörte Broemme Hilfe-Rufe. Es war Jutta Goerkes Sohn, der in seinem Bett, in „einer Art Hohlraum im Schutt“, eingeklemmt lag. „Bleiben Sie ruhig, wir holen Sie raus“, habe Broemme ihm zugerufen. Doch der Verschüttete antwortete nur: „Bitte rufen Sie meine Mutter sofort an, die hört bestimmt Radio und macht sich Sorgen.“ Dann nannte er dem Feuerwehrchef immer und immer wieder die Telefonnummer der Mutter. Doch als Broemme in deren Wohnung in Lichterfelde anrief, sprang nur der Anrufbeantworter an. „Ich war schon längst im Taxi auf dem Weg in die Lepsiusstraße, weil ich solche Panik hatte“, erinnert sich Jutta Goerke. Tatsächlich hatte sie wie jeden Morgen beim Frühstück das Radio eingeschaltet und von der Explosion gehört. „Oh, Gott, da wohnt doch mein Sohn“, dachte sie.

Hunderte von Feuerwehrleuten und Retter des Technischen Hilfswerks bildeten Menschenketten, um die Trümmer Schicht für Schicht abzutragen. Helfer des Roten Kreuzes führten Suchhunde durch den Schutt. Ein Polizist begleitete die weinende Jutta Goerke durch die Absperrung zu einem Einsatzwagen. Dort warteten zwei Notfallseelsorger auf sie. Anschließend wurde sie mit anderen Angehörigen zu einem Standort des Roten Kreuzes in der Albrechtstraße gebracht und dort betreut. „Das passte mir gar nicht, weil ich dann so weit weg war von meinem Sohn“, sagt die Mutter.

Vier Stunden dauerte es, bis Michael befreit werden konnte. „Er wurde dann auf einer Trage mit Beinverletzungen abtransportiert. Ich weiß noch, er saß aufrecht und war sichtlich happy“, erinnert sich Broemme. Auch die Helfer seien glücklich gewesen. „Aus der Hoffnung, weitere Menschen lebend retten zu können, schöpften sie Kraft, weiter zu machen“, sagt Broemme. Doch sie wurden enttäuscht. In den Stunden danach bargen die Einsatzkräfte nach und nach die Toten unter den Trümmern: Vier Frauen, zwei Männer und einen 13-jährigen Jungen.

Zu diesem Zeitpunkt saß Jutta Goerke bereits bei ihrem Sohn am Krankenbett. Sie hatte kurz nach dessen Bergung die erlösende Nachricht erhalten. „Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie glücklich ich war. Er hatte nur Beinverletzungen. Ich fuhr sofort in die Klinik zu ihm“, sagt sie.

Anstatt eines Menschen befreite man Hund und Katze

Auch bei den Helfern war noch einmal kurz Hoffnung aufgekeimt. Die Hunde hatten im Schutt angeschlagen. Doch anstatt eines verschütteten Mieters befreiten sie einen Hund und eine Katze, beide hatten die Katastrophe unversehrt überstanden. Die Tiere gehörten dem 13-jährigen Sven T., der nicht mehr lebte.

„Auffällig war, dass der Junge – neben der Zeitungsausträgerin, die in dem Haus lebte – der einzige vollständig Bekleidete war“, sagt Broemme. Gerichtsmediziner, die die Leichen untersuchten, entdeckten später nur bei ihm einen Geruchsstoff, der dem Gas beigemischt war. Er muss also während der Explosion in unmittelbarer Nähe der Gasleitung im Keller gewesen sein. „Es fehlte die Kappe am Prüfstutzen. Jemand hatte daran herumgeschraubt, so dass das Gas vom Keller hinauf ununterbrochen durch das Gebäude strömte“, sagt Broemme. Als die Zeitungsausträgerin Angelika W. von ihrer Schicht nach Hause kam und um 6.01 Uhr den Lichtschalter ihrer Wohnung anknipste, kam es zur Explosion. Der Funken entzündete das Gas-Luft-Gemisch. Die Frau starb an schweren Verbrennungen, die anderen wurden von herabfallenden Betonstücken getötet. Sven T. galt als Verdächtiger, doch seine Schuld konnte nie zweifelsfrei bewiesen werden. „Trotz akribischer Suche wurde nie das Werkzeug gefunden, mit dem der Prüfstutzen abgedreht worden sein muss“, sagt Broemme. Svens Eltern waren in jener Nacht nicht zuhause. Der Vater musste arbeiten, die Mutter soll in ihrer neuen Wohnung übernachtet haben. Das Verfahren wurde drei Monate nach der Explosion eingestellt.

„Gut für die Eltern, dass eine Schuld nie nachgewiesen werden konnte“, sagt Broemme, „so konnten sie nicht mit Regress belegt werden.“ Den ehemaligen Feuerwehrchef ärgert es, dass das Werkzeug nie gefunden wurde. Immer wieder komme es vor, dass er in Gedanken noch einmal alles durchgeht, „ob wir noch irgendwo etwas übersehen haben“.

In dem neuen Haus lebt niemand mehr von den Bewohnern, die das Unglück überstanden haben. Jutta Goerke ist nur deshalb in das neue Haus eingezogen, weil ihr Sohn Eigentümer der Wohnung war. Ob es für sie ein beklemmendes Gefühl ist, dort zu wohnen? „Nein, eigentlich nicht“, sagt sie. „Ich rede mir einfach ein, dass es ein neues Haus ist und mit damals nichts zu tun hat.“ Aber am heutigen Tag, an dem sich der Unglückstag zum zehnten Mal jährt, wird Jutta Goerke in den Urlaub reisen. Weit weg von allen Erinnerungen.

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