Jahreswechsel in Berlin : Rettungskräfte: Die Angst vor Silvester

Silvester fallen bei manchen Randalierern alle Hemmungen. Sie schrecken auch nicht vor Angriffen auf Polizisten und Feuerwehrleute zurück.

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Freudenfeuer oder Waffe? Nicht jeder möchte Silvester friedlich feiern. Das zeigen die vielen Angriffe auf Einsatzkräfte von Polizei und Feuerwehr.
Freudenfeuer oder Waffe? Nicht jeder möchte Silvester friedlich feiern. Das zeigen die vielen Angriffe auf Einsatzkräfte von...Foto: dpa

„Wir mussten dringend zu einem leblosen Kind, das offenbar einen Stromschlag erlitten hatte“, erzählt Henrik K.: „Aber wir kamen minutenlang nicht zum Eingang des Hauses, weil davor eine Meute Jugendliche mit Raketen auf uns schoss.“

Henrik K. ist Rettungssanitäter – einer von vielen Menschen, die in der Silvesternacht bestimmte Straßen und Stadtteile nicht einfach meiden können. Genau dies hatte Neuköllns Bezirksbürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) am Mittwoch in einem Radiointerview all jenen geraten, die den alljährlichen Wahnsinn nicht mögen. „Es gehört zu Silvester dazu“ und „es geht vorbei“ – solche Sätze kann Peter G. nicht mehr hören. „Das neue Jahr mit einem Feuerwerk zu begrüßen, ist ja okay“, sagt der Feuerwehrmann: „Aber wenn Menschen mutwillig und bösartig attackiert, wenn Raketen gezielt auf Einsatzfahrzeuge und Kollegen geschossen werden, dann hat das nichts mehr mit ,Mal über die Stränge schlagen‘ zu tun. Das sind schwere Straftaten.“

In Neukölln beschießen sich die Gangs

Jahr für Jahr erlebt Peter G. eine Eskalation der Gewalt. „Sobald es am Silvesterabend dunkel wird, häufen sich die Attacken“, sagt er: „Da verlässt kein Kollege mehr sein Fahrzeug ohne Helm und Visier. Ab Mitternacht finden mancherorts regelrechte Straßenschlachten statt, in der Neuköllner Karl-Marx-Straße zum Beispiel beschießen sich die Gangs mit Schreckschusswaffen.“

Feuerwehrsprecher Stephan Fleischer ist sicher, dass er auch am 1. Januar 2016 wieder über viele Verletzte berichten muss. In der vergangenen Silvesternacht wurden durch den Rettungsdienst der Feuerwehr mindestens 79 Personen mit Verletzungen durch Pyrotechnik behandelt. Im Jahr davor waren es noch 63 Personen gewesen.

„Es wird immer schlimmer und ich frage mich allen Ernstes, was es eigentlich zu feiern gibt, wenn dabei abgerissene Finger und Hände, verletzte Augen und durch Rauchgas geschädigte Lungen herauskommen“, sagt Fleischer.

Dass es immer schlimmer werde, liege zwar auch an der wachsenden Energie und den immer ausgefeilteren Effekten der Feuerwerkskörper. So werde es immer lauter und auch immer gefährlicher, wenn beispielsweise eine große Rakete in eine Wohnung fliege. Aber erst durch die Verbindung mit einer hemmungslosen Rücksichtslosigkeit der Benutzer, die Raketen bewusst durch Fenster oder auf Balkone schössen, entstünden die schlimmsten Folgen.

Batterie unter Drehleiter gezündet

Die Rücksichtslosigkeit trifft auch die Helfer. „Im letzten Jahr wurde bei einem Einsatz in Neukölln eine große Feuerwerkbatterie unter einem Drehleiter-Fahrzeug gezündet. Die Leiter war dann für den Einsatz nicht mehr zu gebrauchen“, erzählt Stephan Fleischer. Landesbranddirektor Wilfried Gräfling beklagte denn auch am 1. Januar 2015 ein gesteigertes Aggressionspotential: „Unsere Feuerwehrleute arbeiten in der Silvesternacht, dann wenn andere Menschen feiern können, um Menschen in Not Hilfe zu leisten. Wenn sie dann Attacken und unnötigen Gefahren ausgesetzt werden, fehlt mir jedes Verständnis für solche Taten!“

Pünktlich um Mitternacht kippt die Stimmung

Der Polizei ergeht es ähnlich. Pünktlich mit dem neuen Jahr kippe die Stimmung auf vielen Partys, berichten Beamte. Oft reiche eine Kleinigkeit, um Gewalt auszulösen. Feuerwerk und Alkohol seien eine explosive Mischung, sagt ein Sprecher. In der vergangenen Silvesternacht waren 14 Polizisten verletzt worden, acht so schwer, dass sie ihren Dienst vorzeitig beenden mussten. Innensenator Frank Henkel (CDU), der wie in den Vorjahren am Silvesterabend unterwegs ist, um Einsatzkräfte von Polizei und Feuerwehr zu besuchen, nannte Angriffe auf diese inakzeptabel: „Sie sind da, um zu schützen und zu helfen. So sollten sie auch behandelt werden.“

Randalierer haben kein Selbstwertgefühl

Genau die Einsicht, dass Polizei und Feuerwehr helfen wollten, fehle den Gewalttätern, meint Isabella Heuser. „Gerade in Berlin glaubt man offenbar immer noch, dass Autoritäten per se etwas Schlechtes sind“, sagt die Leiterin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité am Campus Benjamin Franklin: „Dass Polizisten eine Gesellschaft schützen und regeln, hat sich hier offenbar noch nicht herumgesprochen, sonst würde man Angriffe auf sie nicht so leicht hinnehmen. So etwas ist generell für eine Gesellschaft sehr gefährlich.“

In der Silvesternacht schlage die Stunde der Feiglinge, sagt Isabella Heuser: „Viele Randalierer sind Menschen, die sich sonst wenig trauen und zutrauen. Aber der Schutz der Dunkelheit, die laute Böllerei, die Anonymität der Massen und die enthemmende Wirkung des Alkohols führen dazu, dass diese Leute ihre Minderwertigkeitskomplexe loswerden wollen. Gerade weil sie kein Selbstwertgefühl haben, gehen sie auf Autoritäten los.“

Feuerwerkskörper fliegen auch in Flüchtlingsheime

Das gelte auch für bestimmte Kieze, wo sich viele Jugendliche als Verlierer und letztlich nicht dieser Gesellschaft zugehörig fühlten, schätzt die Psychologin weiter ein. Generell sei es ein absolut feiges Verhalten, Menschen aus der Dunkelheit heraus zu attackieren – vergleichbar etwa mit den heimtückischen Attacken auf Flüchtlingsheime. Dabei kommen übrigens in diesen Tagen nicht selten Silvester-Feuerwerkskörper zum Einsatz – in Brandenburg genauso wie in Berlin.