#jetztschreibenwir : Musik verbindet Flüchtlinge und Berliner

Unser syrischer Autor singt in einem Begegnungschor gemeinsam mit alteingesessenen Berlinern und findet: "Es eint uns mehr als uns trennt."

Abdulrahman Omaren
Probe vom Begegnungschor: Hier singen Berliner mit Flüchtlingen zusammen.
Probe vom Begegnungschor: Hier singen Berliner mit Flüchtlingen zusammen.Foto: Thilo Rückeis

Haben Sie, liebe deutschsprachige Leser, sich schon mal vorgestellt, wie es wäre, auf Arabisch zu singen? Genau die Möglichkeit bietet der Berliner „Begegnungschor“. Unsere Gruppe setzt sich aus Geflüchteten und Einheimischen zusammen. Wir haben eine breite Palette an deutschen, arabischen und englischen Liedern in unserem Repertoire, so zum Beispiel „99 Luftballons“. Ehrlich gesagt, stelle ich mir, seitdem ich dieses Lied kenne, die Frage: Warum heißt es eigentlich 99 und nicht 100 Luftballons? Bei der Zahl 99 muss ich sofort an die „Traumergebnisse“ denken, die der syrische Präsident bei den hyperdemokratischen Wahlen in Syrien immer erzielt hat.

Wir haben "Die Gedanken sind frei" umgeschrieben

Aber lassen wir mal die inszenierten Wahlen in meinem Land und auch die Probleme mit der deutschen Sprache beiseite: Dank meiner Mitgliedschaft im Chor habe ich entdeckt, dass deutsche Musik mehr ist als Beethoven. Sie verfügt über ein großes Repertoire an Liedern mit wunderbaren Melodien und Texten. Zum Beispiel das Lied „Die Gedanken sind frei“. Das ist zwar schon ziemlich alt, aber es hat etwas Besonderes. Wir haben es in der Chorgruppe ein wenig umgeschrieben, was bisher bei allen, die es gehört haben, gut angekommen ist.

Der Autor: Abdulrahman Omaren
Der Autor: Abdulrahman OmarenFoto: Mike Wolff

Michael Betzner-Brandt und Bastian Holze, die beiden Chorleiter, hatten mich gebeten, eine Strophe auf Arabisch zu schreiben, die wir dann zur Melodie von „Die Gedanken sind frei“ würden singen können. Einen anderen Teil des Lieds haben sie musikalisch im orientalischen Stil neu arrangiert, unter Beibehaltung des deutschen Texts. Dabei ist wirklich eine großartige, ganz spezielle Mischung herausgekommen. Die Strophe, die ich geschrieben habe, lautet folgendermaßen:

Iza mumkin fiena nirfaa rayaat
al-huriya
al-fikkra mitel nadschma fi l-aatma
tilmaa
kan ya ma kan fi miena
kan yighanni aghaníena
bidna nismaa saut an-nay
challi yaala saut an-nay


Das bedeutet auf Deutsch:


Wenn wir die Fahne der Freiheit hissen
können
werden die Gedanken wie Sterne im
Dunkeln funkeln
Es war einmal in einem Hafen
da sang man unsere Lieder
Der Flöte Stimme wollen wir hören
Der Flöte Stimme soll erschallen

Das Arabische ist für Deutsche eine komplizierte Sprache, so wie das Deutsche für mich. Meine deutschen Chorkollegen tun sich schwer mit den arabischen Liedern, aber sie lassen sich nicht entmutigen und legen großen Wert darauf, sie möglichst korrekt zu singen. In unserem Repertoire haben wir unter anderem „Nassam alayna al-hawa“ („Der Windhauch wehte über uns hinweg“) von der berühmten libanesischen Sängerin Fairouz, in dem es um Heimweh geht.
Dann haben wir noch „Wir singen heute alle zusammen“ im Programm, was eigentlich kein richtiges Lied ist, sondern ein einzelner wiederholt gesungener Satz, mit dem wir bei jeder Probe und jedem Konzert unsere Stimmen „ölen“ und unter Anleitung des Dirigenten zu einem gemeinsamen Rhythmus finden. Trotz der Schlichtheit dieses Satzes und seiner Melodie gefällt er mir so sehr, dass ich ihn immer wieder vor mich hin singe.

"Es ist eine schöne Sache, jemanden zu haben, der deine Interessen teilt"

Für mich ist der Begegnungschor ein Ort, an dem ich mit Menschen zusammenkomme, für die ich tiefe Sympathie empfinde, und sie umgekehrt für mich. Es ist eine schöne Sache, jemanden zu haben, der deine Interessen teilt – vor allem dann, wenn du allein bist und fern von deiner Heimat und deiner Familie. Der Chor hat mir sehr dabei geholfen, mich zu integrieren und die Erfahrung zu machen, wie gutherzig und unkompliziert die Deutschen eigentlich sind und mit welcher Hingabe sie sich für eine Sache einsetzen, an die sie glauben.
Es ist mir hier nicht möglich, all meine vielen Chorbrüder und -schwestern (die Alteingesessenen unter ihnen wie auch die „Neuberliner“, wie sie uns Geflüchtete nennen) namentlich zu nennen. Aber ich möchte all jenen tollen Menschen zurufen: Wir sind eine große Familie geworden. Es eint uns mehr als uns trennt. Nur die Liebe ist in der Lage, Hindernisse aus dem Weg zu räumen und das Unmögliche möglich zu machen. Indem wir zusammen singen, brechen wir das Eis und überwinden die Sprachbarrieren. Wir werden weitersingen, heute, morgen, jeden Tag – und stets miteinander.


Aus dem Arabischen übersetzt von Rafael Sanchez. Der Begegnungschor probt jeden Mittwoch von 18.30 bis 21 Uhr in Mitte. Die Aufnahme ist für Berliner an die Bedingung geknüpft, mit einem Geflüchteten im Tandem zur Probe zu kommen. Für die erste Teilnahme an einer Probe wird um schriftliche Anmeldung per Mail gebeten an: mitsingen@begegnungschor.com. Der Begegnungschor tritt unter anderem bei der nächsten Diversity Konferenz im Tagesspiegel Verlagsgebäude am 11. November und bei der Einbürgerungsfeier im Berliner Abgeordnetenhaus am 25. November um 17 Uhr auf.

Abdulrahman Omaren ist Journalist und kommt aus Syrien. Sein Text erscheint im Rahmen der Tagesspiegel-Ausgabe vom 15. Oktober 2015, die von geflüchteten Journalisten gestaltet worden ist.  


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