Journalisten im Exil : "Wir wollen Syrien aufbauen wie die Trümmerfrauen diese Stadt"

Unser syrischer Autor wendet sich an die Berliner Politik. Er wünscht sich eine bessere Kommunikation, Zugang zum Arbeitsmarkt und Hilfe bei der Wohnungssuche.

Khalid Al Aboud
Gruppenaufnahme der Exil-Journalisten beim Netzwerktreffen im Newsroom vom Tagesspiegel-Verlagsgebäude in Berlin-Kreuzberg.
Gruppenaufnahme der Exil-Journalisten beim Netzwerktreffen im Newsroom vom Tagesspiegel-Verlagsgebäude in Berlin-Kreuzberg.Foto: Thilo Rückeis

Am Abend des 18. September wartete ich zum ersten Mal in meinem Leben gespannt auf den Ausgang einer Wahl. Gerade für mich als syrischen Geflüchteten war diese Berliner Abgeordnetenhauswahl von großer Bedeutung. Ihre Ergebnisse würden – im Positiven wie im Negativen – Einfluss auf meine Situation in diesem Land haben.
Der Vormarsch der Alternative für Deutschland (AfD) und ihre Präsenz auf der politischen Bühne Berlins sind an jenem Wahlabend zur Gewissheit geworden. Angesicht der flüchtlings- und ausländerfeindlichen Positionen dieser Partei ist der künftige Berliner Senat mit höchst unterschiedlichen Erwartungen und Bedürfnissen konfrontiert.

Es muss mit und nicht über Geflüchtete gesprochen werden

Ich wünsche mir von ihm vor allen Dingen, dass er mehr mit den Geflüchteten als über sie redet, damit diese nicht allein auf die Gerüchte angewiesen sind, die unter ihnen kursieren. Sie sollten auf seriösem Wege mit der deutschen Rechtsordnung vertraut gemacht und in ihrer Muttersprache beraten werden, nicht nur über die Medien, sondern auch vonseiten der staatlichen Institutionen. Den Geflüchteten sollten also als Anlaufstelle bei Fragen und rechtlichen Problemen primär die offiziellen Stellen zur Verfügung stehen.

Aus Daraa in Syrien ist er Ende 2014 nach Berlin gekommen: Khalid al Aboud, 32, hat Arabische Literatur studiert und war dann in Syrien und Jordanien Radiojournalist.
Aus Daraa in Syrien ist er Ende 2014 nach Berlin gekommen: Khalid al Aboud, 32, hat Arabische Literatur studiert und war dann in...Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Ferner erwarte ich mir von der Regierung konkrete Aussagen darüber, welcher Art die von den Geflüchteten erwartete Integration zu sein hat. Ein Moscheevorsteher in Berlin wird Integration so vermitteln, wie er sie gemäß seinem Background versteht – als eine Entfremdung von der Religion und von den Werten, wie sie den Geflüchteten in ihrem Heimatland ein Leben lang vermittelt wurden.
Durch solche Äußerungen werden die Geflüchteten zwangsläufig eine negative Einstellung zur Integration und zu dem, was sie impliziert, entwickeln. Ein in Deutschland lebender und eingebürgerter syrischstämmiger Soziologe spricht ihnen gar die Fähigkeit, sich in die deutsche Gesellschaft zu integrieren, pauschal ab. Die Geflüchteten sehen sich also einem heterogenen Verständnis von Integration gegenüber, ohne deren eigentlichen Sinn verstehen zu können.

Wir brauchen schnellen Zugang zum Arbeitsmarkt

Hinzu kommt, dass das, was sie im Integrationskurs lernen, nicht der Rede wert ist. Was das Thema Arbeit anbelangt, so wünschen sich viele Geflüchtete – wie ich aus zahlreichen Gesprächen weiß – so schnell wie möglich Zugang zum Arbeitsmarkt.
Dem stehen aber die langsamen Mühlen der deutschen Bürokratie entgegen, die den Arbeitseifer der Geflüchteten bremsen. Hier sind vor allem die langwierigen Prozeduren zum Erhalt einer Aufenthaltserlaubnis oder zur Anerkennung von akademischen Abschlüssen zu nennen. Was für die Geflüchteten umso frustrierender ist, wenn man bedenkt, dass viele von ihnen – und da spreche ich insbesondere von den Syrern – über Universitätsabschlüsse verfügen oder zumindest die notwendigen Voraussetzungen mitbringen, um an Schulungsprogrammen teilzunehmen, durch die sie schneller in den Arbeitsmarkt kommen.

Flüchtlinge werden von zwielichtigen Wohnungsmaklern ausgenutzt

Ein weiteres Thema, das mich als syrischen Geflüchteten beschäftigt, ist die Wohnungssuche. Zwar handelt es sich dabei um ein Problem, von dem Deutsche und Geflüchtete gleichermaßen betroffen sind, doch kommt bei Letzteren noch verschärfend hinzu, dass sie oft mit ihrer ganzen Familie in Turnhallen untergebracht sind, wo die Voraussetzungen für ein würdevolles Leben nicht gegeben sind.
Außerdem werden sie immer wieder von zwielichtigen Wohnungsmaklern und Immobilienhaien ausgenutzt, von denen die meisten ebenfalls Migranten sind. Hier würde ich mir mehr Kontrolle durch die Berliner Behörden wünschen sowie ein energischeres Anpacken der Probleme, die sich den Geflüchteten bei der Wohnungssuche stellen.
Wir Geflüchtete sind sehr wohl in der Lage, etwas aufzubauen, nur hatten wir dazu in unserer Heimat keine Gelegenheit, sei es aufgrund der von machtbesessenen Diktatoren angezettelten Kriege oder aufgrund anderer Faktoren, die mit dem Mangel an Freiheit und den eingeschränkten Möglichkeiten zur kreativen Entfaltung zu tun haben. Wir sind nach Deutschland gekommen in der Hoffnung, mithilfe der hier gemachten Erfahrungen eines Tages unser Land wiederaufzubauen, so wie die Berlinerinnen und Berliner, beispielsweise die Trümmerfrauen, nach dem Zweiten Weltkrieg ihre Stadt wiederaufgebaut haben.


Khalid Al Aboud ist Journalist und kommt aus Syrien. Sein Text erscheint im Rahmen der Tagesspiegel-Ausgabe vom 15. Oktober 2015, die von geflüchteten Journalisten gestaltet worden ist.  

Aus dem Arabischen übersetzt von Melanie Rebasso.

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