Judenverfolgung im Dritten Reich : Wie die Kindertransporte tausende Leben retteten

Mehr als 15.500 jüdische Mädchen und Jungen wurden aus Nazi-Deutschland allein auf die Kindertransporte geschickt. Am heutigen Donnerstag jährt sich der Beginn der Aktionen.

Ankunft in London.
Ankunft in London.Foto: Bundesarchiv, 183-S69279/CC-BY-SA 3.0

Die Kinder blicken sich aufgeregt um, sie weinen, Säuglinge schreien auf dem Arm eines fremden Menschen. Es sind so viele verschreckte und traurige Kinder, mit einem kleinen Köfferchen samt allem Hab und Gut neben sich. Die Züge dampfen, die Schiffe tuten tief. Dann geht es los. Allein. Ihre Eltern dürfen ihnen noch nicht mal zum Abschied winken. Die Erwachsenen ahnen zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass sie selbst in die Konzentrationslager deportiert werden.

Mehr als 15.500 jüdische Säuglinge, Kinder und Jugendliche bis 17 Jahre haben dank Kindertransporten zwischen dem 30. November 1938 und dem 31. August 1939 überlebt. An die außerhalb Nazi-Deutschlands initiierten Rettungsaktionen möchte die Kindertransport-Organisation Deutschland jetzt zwei Jahre lang bis zum letzten Tag eines – missglückten – Transports aus Prag am 01.09.1939 erinnern. Die Wehrmacht brauchte die Züge, 250 Kinder mussten aussteigen, sie überlebten nicht. Am Donnerstag gibt es die Auftakt-Gedenkfeier mit Überlebenden und Bundesaußenminister Sigmar Gabriel im Auswärtigen Amt.

Wie schwer muss den selbst todgeweihten Eltern der Abschied gefallen sein, als sie ihre Kinder für die Rettungsaktion bei den jüdischen Gemeinden anmeldeten, Visa für sie beantragten oder die Kinder in einem Waisenhaus abgaben. Für die Reise mussten die Eltern 50 Pfund Sterling zahlen. Die meisten der allein weggeschickten Kinder haben ihre Eltern und Verwandten nie wiedergesehen. Manche Mütter banden noch ihre Schürzen ab und gaben sie mit. Babys und Kleinkinder konnten kaum Erinnerungen an Mutter und Vater ins eigene Leben mitnehmen.

„Züge in das Leben – Züge in den Tod“

Auch das kleine Mädchen reiste, das den Betrachter vom vergilbten Ausweispapier in der Klarsichtschutzfolie anschaut. Das Papier trägt die am 14. November 91 Jahre alt gewordene Fanny Brie-Rosenthal aus Pankow wie einen Schatz bei sich, auch bei der jährlichen Gedenkveranstaltung am Mahnmal nahe dem Bahnhof Friedrichstraße „Züge in das Leben – Züge in den Tod“. Die kleine Fanny ist von Köln aus gefahren. Vertreter der tschechischen Botschaft und der Jüdischen Gemeinde erinnern bei der Feierstunde daran, dass viele Überlebende ihre Eltern nie kennengelernt haben.

Fanny Brie-Rosenthal weint bitterlich, Polizisten stützen sie, Auszubildende der Landespolizeischule Berlin trösten sie. Mit der Skulptur des israelischen Zeitzeugen Frank Meisler – der auf der einen Seite zwei Kinder symbolisch ins Leben gehen lässt und fünf in die andere Richtung in den Tod schickt – wird auch in London, Hamburg, Danzig und Hoek van Holland erinnert.

Kindertransport – was für ein neutral klingender Begriff für eine die ganze Welt umspannende Hilfsaktion. Der erste Transport erfolgte am 30. November 1938 von Berlin aus, aber mit Kindern aus anderen deutschen Städten, die Mädchen und Jungen kamen etwa aus Hannover und Leipzig – sie reisten betreut Richtung Niederlande. Der erste Transport mit Berliner Kindern, meist aus jüdischen Waisenhäusern, verließ vom Anhalter Bahnhof aus am 1. Dezember 1938, also einen Tag später, die damalige Reichshauptstadt. Sie fuhren aber auch vom Schlesischen Bahnhof über Alexanderplatz, Friedrichstraße, Lehrter Bahnhof, Charlottenburg in die Fremde.

Zeitzeugin. Die Berlinerin Fanny Brie-Rosenthal, heute 91 Jahre alt, am Ort der Kindertransportskulptur Friedrichstraße.
Zeitzeugin. Die Berlinerin Fanny Brie-Rosenthal, heute 91 Jahre alt, am Ort der Kindertransportskulptur Friedrichstraße.Foto: Agnieszka Budek

Organisiert wurden die Rettungsreisen zu Pflegeeltern, Hostels oder Heimen sowie später zu Internierungslagern mit Genehmigung der britischen Regierung, unter anderem von der jüdischen Gemeinden, der Anglikanischen Kirche und der Glaubensgemeinschaft der Quäker. Es fanden sich internationale Sponsoren selbst aus Afrika. Das NS-Regime hatte großes Interesse daran, jüdische Menschen außerhalb des Landes zu bekommen. Die Transporte starteten von Bahnhöfen aus ganz Deutschland, Polen, der Tschechoslowakei und Österreich.

Mit Schiffen und Zügen ging es zunächst zumeist nach Großbritannien, aber auch in die Niederlande sowie nach Belgien, in die Schweiz – die später den Postkartenvertrieb zwischen Kindern und der Familie organisierte. Aber auch Irland, Dänemark, Schweden, Norwegen, Palästina und die USA nahmen die Kinder auf.

Wie Horst Brasch, Vater der Berliner Radio-Moderatorin Marion Brasch, er wurde 1939 durch einen Kindertransport nach Londongerettet, wie Brasch in ihrem Buch „Ab jetzt ist Ruhe“ beschrieb. Als sich die Versorgungslage nach Beginn des Zweiten Weltkrieges in Großbritannien zuspitzte, wurden weiterführende Fluchtrouten organisiert. Die Wege der über 16-Jährigen aus Großbritannien führten ab Mai 1940 bis nach Kanada und Australien nach Hay und Tatura sowie über Südfrankreich und Toulouse sowie Izieu und weiter über die Pyrenäen nach Spanien.

Das rettende Dokument. Fannys Kinderausweis, ausgestellt am 2. 8. 1939.
Das rettende Dokument. Fannys Kinderausweis, ausgestellt am 2. 8. 1939.Foto: Agnieszka Budek

Die Flucht aus Schweden ging durch die Sowjetunion sowie durch die Türkei und Syrien – beide erteilten keine Visa – bis nach Palästina. Die zwei größten Lager in Kanada waren in Medicine Hat und Lethbridge, mit etwa je 12.500 Gefangenen. Aber auch in Québec lebten Internierte, vormals aus Großbritannien und Italien. Angesicht der Flüchtlingsrouten der Neuzeit verliefen diese Wege der Balkanroute ähnlich, nur in umgekehrter Richtung.

Auch so erklärt sich, dass einige Kindertransportüberlebende und ihre Kinder heutzutage den unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen etwa aus Syrien und Afghanistan helfen. Die Auffassungen gehen bei den Überlebenden auseinander: Einige sehen Parallelen, weil beispielsweise jetzt auch in Berlin beheimatete arabische Kinder etwa aus Aleppo oder Idlib aus akuter Todesgefahr weggeschickt wurden. Auch bei den jüdischen Eltern hätten damals einige auf späteren Nachzug und ein Wiedersehen gehofft.

Andere halten das zehntausendfache Anvertrauen von Mädchen und Jungen an Menschenhändler und Schlepper mit dem Ziel Nordeuropa, offenbar einkalkulierend, dass die Flucht lebensgefährlich oder traumatisierend sein kann und vielfach ohne Kenntnis, wie die Kinder später leben, für unvergleichbar. Der Brite Lord Alfred Dubs, selbst Kindertransportkind, erreichte, dass 200 allein geschickte Flüchtlingskinder aus Calais in Großbritannien aufgenommen wurden. Eine neue Heimat, auch bei Pflegeeltern, wollte er eigentlich für Tausende.

Ein Leben dank Kindertransports. Walter Kaufmann, Schriftsteller, aus Mitte.
Ein Leben dank Kindertransports. Walter Kaufmann, Schriftsteller, aus Mitte.Foto: Agnieszka Budek

Zur Gedenkfeier am im Auswärtigen Amt kam auch der Londoner John Beck mit Familie, aus der zweiten Generation, viele Helmuth-James-von-Moltke-Grundschüler sowie das Kammerorchester des Georg-Friedrich-Händel-Gymnasiums. Einige Berliner Schüler haben von dem Schicksal einst Gleichaltriger beispielsweise bei Stolpersteinverlegungen erfahren, wie jüngst bei denen für Mutter und Tante von Geretteten wie George Shefi, an der Schöneberger Hauptstraße 5.

Bei der Feier im Auswärtigen Amt sprach der britische Botschafter Sir Sebastian Wood – wie auch Walter Kaufmann, Vater der Schauspielerin Deborah und der Fotografin Rebekka Kaufmann. „Meine Mutter hatte mich lange vorbereitet, und ich war froh, Deutschland endlich verlassen zu können“, erinnert sich der heute 93-Jährige. Am 13. Dezember 1938 erhält er sein britisches Visum, am 19. Januar 1939 erreicht er mit einem der letzten jüdischen Kindertransporte aus Nazi- Deutschland das rettende London – an seinem 15. Geburtstag.

„Als jüngster von zweitausend Flüchtlingen eingepfercht“

Am Bahnhof blieb er als Letzter zurück, allein. Er schläft im Obdachlosenasyl, wird erst am nächsten Morgen von seinem Vormund abgeholt. In seiner Internatsschule in Kent fühlt er sich sehr wohl, heute bereut er nur, „meinen Eltern damals zu selten zurückgeschrieben zu haben“. Im Mai 1940 internieren ihn die Briten als „feindlichen Ausländer“ in Liverpool. „Als jüngster von zweitausend Flüchtlingen eingepfercht“, entgeht auch der junge Walter wie all die anderen „durch Vorsehung“ auf dem Gefangenenschiff „Dunera“ einem deutschen U-Boot-Angriff. „Ich besaß nur eine Hose, ein Hemd, Sandalen und trug einen Schal, der meiner Mutter gehörte.“ Seine Mutter und sein Vater wurden kurz vor Kriegsende in Auschwitz ermordet.

In Australien lebte er anderthalb Jahre in den Wüstencamps Hay und Tatura zwischen Stacheldraht und Wachtürmen. Enge Männerfreundschaften halfen ihm über die Zeit hinweg. „Ich bin kein Opfer. Ich durfte ein reiches, erfülltes Leben haben. Opfer sind meine Eltern gewesen“, sagt der Schriftsteller Kaufmann heute, der als junger Mann unter anderem als Obstpflücker, Hafenarbeiter, Seemann und Fotograf arbeitete. 1955 kehrt Kaufmann nach Europa zurück, lebt dann als Schriftsteller in der DDR, lernt „die bedeutende Schriftstellerin und Jüdin Anna Seghers“ und andere Künstler kennen, die aus der Emigration nach Deutschland zurückkehrten.

Über den Freispruch der US-Menschenrechtlerin Angela Davis 1972 schreibt Kaufmann als Reporter, mehrmals reist er nach Israel und in die von Israel besetzten Gebiete Palästinas; sein Vorlass ist in der Berliner Staatsbibliothek, so dass sein Lebenswerk den nächsten Generationen erhalten bleibt.

Wo man gedenken, archivieren und nachlesen kann

Dass es im Auswärtigen Amt die Auftaktveranstaltung zum zwei Jahre umfassenden Gedenken zur 80. Wiederkehr des letzten Kindertransports am 1.9.2019 mit Bundesaußenminister Sigmar Gabriel, Botschaftsvertretern und Zeitzeugen gab, war vor allem Lisa Sophie Bechner zu verdanken. Die Frau aus Friedrichshain war als Radiomoderatorin des Springer-Verlags in Großbritannien auf das Thema gestoßen. Die Leiterin der Kindertransport-Organisation Deutschland organisiert etwa Überlebenden-Treffen auch im Ausland, sammelt Dokumente.

Lisa Sophie Bechner.
Lisa Sophie Bechner.Foto: Agnieszka Budek

Viele Botschaften und Konsulate, selbst jüdische Einrichtungen, so ihre Erfahrung, wissen mitunter wenig von der Historie. Bechner, erschüttert von den Vernichtungsgeschichten und beflügelt von den oft so erfüllten Lebenswegen der Geretteten, will ein Buch herausgeben und sucht einen Verleger, einen Profi für die Onlineseite pro bono. Auch Förderer, Sponsoren und langfristig Ehrenamtliche können sich gern melden, um das Erbe mit zu bewahren: Tel. 0049 (0) 30 604 010 21. lisa.bechner@berlin.de. www.kindertransporte-1938-39.eu.

Am 5.12. lädt Mona Golabek aus den USA, Autorin („Die Pianistin von Wien“) und Tochter einer Geretteten, zur Performance: 19. 30 Uhr, Österreichische Botschaft, Stauffenbergstr. 1, 10785 Berlin. Anmeldung: Telefon 20287114; Mail an: berlin-kf@bmeia.gv.at.

„Postkarten für einen kleinen Jungen“ - Henry Foner/Heinz Lichtwitz: ein bewegendes Buch mit Postkarten- und Briefwechseln, gegen eine Schutzgebühr erhältlich; Landeszentrale für politische Bildung.

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