Stipendium bei der „Studienstiftung des Deutschen Volkes“ : Absage vom Elite-Club

Charlott fand nur Heldengeschichten von glücklichen Stipendiaten der „Studienstiftung des Deutschen Volkes“. Hier ist die Geschichte ihrer Bewerbungsniederlage.

Charlott Resske
Ein kleiner Brief der den Tag versaut.
Ein kleiner Brief der den Tag versaut.Foto: Charlott Resske

Großer Brief heißt Zusage, kleiner Brief heißt Absage, hat man mir vorher gesagt. Herzklopfen. Ich schließe den Briefkasten auf. Kleiner Brief. Ein verdammter kleiner Brief. Ich schaue auf den Absender: „Studienstiftung des Deutschen Volkes“. Ich reiße ihn auf: „Bedauerlicherweise war Ihre Bewerbung um eine Aufnahme in unsere Förderung gegenwärtig jedoch nicht erfolgreich.“ Da steht es Schwarz auf Weiß. Ich bin nicht gut genug. Nicht gut genug, um gefördert zu werden. Nicht gut genug für die Eintrittskarte in euren Elite-Club. Ich bin raus.

Langsam gehe ich die Treppe hoch, schließe meine Wohnung auf, schmeiße mich auf mein Bett, bemitleide mich selbst, verfluche die Welt, verschicke ein paar Nachrichten an Familie und Freunde - damit keine nervigen Nachfragen kommen. In meinen Händen halte ich eine A4-Seite mit inhaltslosem Gelaber. Ein standardisiertes Schreiben. „Wir hoffen, dass Sie Ihre eigene Qualifikation nicht anzweifeln!“ Danke für diese motivierenden Worte… nicht. Ich atme tief durch, loche das hässliche Blatt Papier und hefte es in den Ordner mit den anderen Unterlagen für die Studienstiftung. Kapitel abgeschlossen. Dann schaue ich doch noch einmal rauf - und bereue. Die Zeit, die Kraft, das Geld.

Auslandsaufenthalte, Praktika und IQ- oder NC-Werte

2013 wurde ich von meinem Schulleiter für das Stipendium vorgeschlagen. Der „Vorschlags-Code“ ist zwei Jahre gültig. Also fing ich dieses Jahr an, Jura zu studieren. Ich wollte die Chance auf ein schuldenfreies Studium nutzen. Vor Studienbeginn reichte ich meine Bewerbungsunterlagen ein: einen langen Fragebogen und einen dreiseitigen Lebenslauf aus dem hervorgeht, wie toll ich bin.

Charlott Resske
Charlott ResskeFoto: privat

Einige Wochen später bekomme ich eine Einladung zum Auswahlseminar in Magdeburg. Ich bezahle die Fahrtkosten und einen Teil der Hostelkosten. „Schon im Auswahlseminar treffen Sie auf interessante Menschen“, steht in der Einladung. In Wirklichkeit treffe ich auf 49 nervöse Studienanfänger, die alle unter Leistungsdruck stehen. Kleine 1,0-Monsterchen, die unbedingt ihren „Jahrgangsbeste“-Status aufrechterhalten wollen. Getrimmt auf Leistung, auf Elite. Die Welt dreht sich hier um Auslandsaufenthalte, Praktika und IQ- oder NC-Werte. Mit meinem 1,4er Abi werde ich schräg angeschaut: „Ach, und du bist trotzdem hier?!“

„Viel Erfolg noch bei Ihrer weiteren akademischen Laufbahn“

Nach Einführung, Begrüßung und Kennenlernen am Freitag beginnt am Samstagmorgen der Auswahlmarathon: Sechs Gruppendiskussionen und zwei Einzelgespräche. Jeweils eine halbe Stunde, insgesamt vier Stunden. Dafür bin ich 44 Stunden in dieser muffigen Jugendherberge eingesperrt, von Freitag 18 Uhr bis Sonntag 14 Uhr. Es gibt schönere Wochenenden.

Bei den Diskussionen in Sechsergruppen muss jeder Teilnehmer ein siebenminütiges Referat zu einem beliebigen Thema halten und anschließend eine möglichst kontroverse 20-minütige Diskussion leiten. Unser Prüfer beobachtet uns, verzieht manchmal das Gesicht, kritzelt hektisch Stichpunkte in sein Heft. Er ist still, darf keine Auskunft geben. Über nichts. Alle sind super engagiert, höflich bis an die Grenzen der Heuchelei. Niemand will negativ auffallen. Fein ausreden lassen, Meldezeichen geben.

Schnell sind Schauergeschichten über die Einzelgespräche im Umlauf. Gerüchte über böse Geschichtslehrer und erbarmungslose Philosophieprofessoren. Ich treffe auf so einen Professor. Vom TTIP-Abkommen bis zum Sinn von Menschenrechten - zu allem will er meine Meinung wissen. „Viel Erfolg noch bei Ihrer weiteren akademischen Laufbahn“, verabschiedet er mich. Das klingt wie: „Auf Nimmerwiedersehen“. Ich fühle mich strohdumm.

Ein kleiner Brief lässt mich zweifeln

Am Sonntag, nach den letzten Auswahlterminen, beginnt das große Spekulieren. Wer wird genommen, wer nicht? Alle hoffen auf den großen Umschlag. Jemand gründet eine WhatsApp-Gruppe, zum besseren Spekulieren nach dem Seminar. Eine Woche später schreiben die ersten Angeber von Zusagen. Also leere auch ich meinen Briefkasten. Und da ist er, dieser kleine, nichtssagende Brief, der meine Stimmung versaut.

Klar, nicht jeder kann genommen werden. Deshalb möchte ich mich auch gar nicht wie ein bockiges Kind aufführen. Irgendwas muss ihnen an mir nicht gefallen haben. Ich passe wohl nicht in die elitäre Gesellschaft, die sich die Studienstiftung da zurechtbastelt. In den Diskussionen habe ich mich stets für die Mindermeinungen stark gemacht. Falle ich deswegen aus dem Raster?

Die Sache lässt mir keine Ruhe: Nach welchen Kriterien werden Bewerber ausgewählt? Die Intransparenz des Verfahrens lässt mich an meinen eigenen Kompetenzen zweifeln. Ich stelle mir sogar die Frage, ob Jura vielleicht einfach eine Nummer zu groß für mich ist. Merkt man mir an, dass ich aus keiner Akademiker-Familie komme? In meiner Familie hat jedenfalls bisher niemand studiert. Ich bin die Erste.

Dabei läuft eigentlich alles super. Doch ich zweifle – aufgrund dieses kleinen, nichtssagenden Briefs. Er ist das magere Zeugnis für all die Energie, die ich in das Bewerbungsverfahren gesteckt habe. Und das mitten im Semester. Der ganze Aufwand – völlig umsonst.

Ich schaff es auch ohne euch

Genug mit dem Rumgeheule. Ich stelle den Ordner ganz weit weg und fange wieder an, an mich selbst zu glauben. Am nächsten Tag gehe ich zur Bank und unterschreibe einen Studienkredit. Jetzt habe ich 25 000 Euro Schulden nach dem Studium. Na und? Dafür kann ich mich wieder voll auf Jura, Politik und Journalismus konzentrieren - ohne den Leistungsdruck der Stiftung, der mich nur von meinem Weg abbringt. Manchmal sind mir Zeitungsrecherchen einfach wichtiger als stundenlanges Lernen in der Bib. Nehmt mich so oder gar nicht.

Liebe Studienstiftung, bitte passt auf, was ihr mit denen macht, die ihr aussortiert, die euch nicht gefallen. Dass ihr uns nicht als Versager im Regen stehen lasst, uns entmutigt, deprimiert, frustriert. Ich hätte euch gebraucht. Aber ich schaff das auch ohne euch. Danke für nichts.

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