Junger Mann zu Tode geprügelt : Rassistische Hetze nach Gewalttat am Alexanderplatz

18.10.2012 17:37 Uhrvon
  • In der Marienkirche zeigt Tina einen Anhänger in die Kameras. Jeder in der Familie hat ein. Auch ihr getöteter Bruder Jonny. Foto: dpa
    In der Marienkirche zeigt Tina einen Anhänger in die Kameras. Jeder in der Familie hat ein. Auch ihr getöteter Bruder Jonny. - Foto: dpa
  • Nach dem Gedenkgottesdienst am Buß und Bettag für den getöteten Jonny entzündet seine Schwester ein Räucherstäbchen am improvisierten Mahnmal am Alexanderplatz. Foto: dpa
    Nach dem Gedenkgottesdienst am Buß und Bettag für den getöteten Jonny entzündet seine Schwester ein Räucherstäbchen am improvisierten Mahnmal am Alexanderplatz. - Foto: dpa
  • Unterstützung erhält Tina K. von Roland Weber, dem Opferbeauftragten des Landes Berlin. Auch er sprach beim Gottesdienst in der Marienkirche. Foto: dapd
    Unterstützung erhält Tina K. von Roland Weber, dem Opferbeauftragten des Landes Berlin. Auch er sprach beim Gottesdienst in der Marienkirche. - Foto: dapd

Nach der tödlichen Gewalttat am Alexanderplatz gibt es ein Kondolenzbuch, dort aber finden sich mehrere fremdenfeindliche, hetzerische Sprüche. "Wann werfen wir dieses Pack aus der Heimat?", fragen Unbekannte mit Blick auf die Täter. Diese rassistische Selbstgewissheit des Spießertums macht frösteln.

Wenn sich in einer Gesellschaft etwas zusammenbraut, dann merken wir das an vermehrten Tabubrüchen. Es sind kleine Risse, denen größere folgen – es kommt eine verhängnisvolle Mechanik in Gang, der die Politik entschlossen gegensteuern muss. Da wird beispielsweise ein Rabbiner verprügelt, weil er Rabbiner ist. Auf U-Bahnhöfen und Straßen kommt es zu rätselhaften, unmotivierten Gewaltakten, und nun stirbt ein junger Mann einfach deshalb, weil andere gerade Lust auf seinen Tod hatten.

Es kann jeden treffen, das ist neu.

Doch auch die hetzerischen Sprüche im Kondolenzbuch für diesen traurigen Vorfall sind ein Tabubruch. Es gab mehrere fremdenfeindliche Eintragungen, dabei handelt es sich mit Blick auf die mutmaßlichen Täter etwa um Fragen wie „Wann werfen wir dieses Pack aus der Heimat?“. Ausgerechnet dort, wo unbeteiligte Menschen ihre Trauer ausdrücken können, um die Angehörigen des Opfers ein wenig zu trösten, ausgerechnet dort bricht nun jene Haltung durch, die wir mit routinierter Ironie als „gesundes Volksempfinden“ bezeichnen: die aggressive, in diesem Fall rassistische Selbstgewissheit des Spießertums. Es sind vermutlich ähnliche Gestalten wie jene, die kürzlich in der „Abendschau“ am Tatort herumkrakeelt haben, und sie machen frösteln.

Es braut sich etwas zusammen. Wir müssen hoffen, dass die Politik die Zeichen erkennt und Berlins Mordermittler ihrem Ruf gerecht werden – damit die Täter bestraft werden, und nur sie.

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