Berlin : Justizvollzugsanstalt Moabit: Flucht aus der Zelle - in den Tod

Katja Füchsel

Starr lag der Gefangene auf dem Bett. Als der Vollzugsbeamte gegen 6.20 Uhr auf seinem morgendlichen Rundgang an der Zelle des 37-Jährigen vorbeikam, konnte er nur noch den Tod des Mannes feststellen. Ein Gericht hatte den Gefangenen wegen Vergewaltigung zu sieben Jahren Gefängnis mit anschließender Sicherheitsverwahrung verurteilt. "Die genaue Todesursache ist gegenwärtig noch ungeklärt", sagt Justizsprecherin Anja Teschner. Dass der Mann durch fremdes Verschulden ums Leben kam, könne man allerdings ausschließen.

Die Obduktion der Leiche soll nun klären, ob der Häftling der Justizvollzugsanstalt (JVA) Moabit durch Selbstmord ums Leben kam - es wäre bereits der sechste Fall in diesem Jahr und damit die Fortsetzung eines Besorgnis erregenden Trends: "Während die Suizidrate im gesamten Berliner Justizvollzug in den vergangenen Jahren weitgehend konstant blieb, gab es im Jahr 2000 in der JVA Moabit eine im Vergleich zu den Vorjahren deutlich erhöhte Zahl von sieben Suiziden", heißt es in der Justizverwaltung. Mit Ausnahme der Jahre 1975, 1988 und 1989 seien in der Vergangenheit "drei, maximal vier Fälle" jährlich nahezu nie überschritten worden.

Um eine Erklärung für die erhöhten Suizidzahlen zu finden, hat die Leitung der JVA Moabit eine Arbeitsgruppe aus Sozialarbeitern, Psychologen und Vollzugsbeamten des Gefängnisses eingesetzt. Sie analysierte anhand von Personal- und Krankenakten alle 30 Suizidfälle von 1991 bis 2000. Demnach wurden 17 der 30 Selbstmorde innerhalb der ersten Woche nach der Verhaftung begangen, 13 davon wiederum in den ersten drei Tagen.

Die Analyse bestätigt die Erkenntnis anderer Untersuchungen, dass Selbstmorde besonders zu Haftbeginn häufig auftreten. "Die Ursachen hierfür liegen in den zu Beginn einer Inhaftierung deutlich überwiegenden Belastungsfaktoren wie zum Beispiel Desorientierung, Depression nach Festnahmestress, Perspektivlosigkeit, Anpassungsschwierigkeiten und Unsicherheit über die Verfahrenslage", beantwortete der damalige Justizsenator Eberhard Diepgen eine Kleine Anfrage im Dezember 2000. Zwanzig Suizidfälle konnten in Moabit in letzter Minute verhindert werden.

Anfang der 90er-Jahre hat die JVA Moabit ein dichtes Netz zur Suizid-Vorbeugung geknüpft. Dazu zählen neben der Betreuung durch Sozialarbeiter und den sozialpsychiatrischen Dienst die strikte Überwachung aller Risikofälle. 5180 Gefangene sind 1999 in Moabit aufgenommen worden, rund 1200 Häftlinge beherbergt die JVA insgesamt. Um sie kümmern sich 370 Justizvollzugsbeamte, 18 Mitarbeiter des Sozialdienstes und drei Psychologen.

Ein Teil dieses Überwachungssystems ist der rote Punkt. Das Signal auf der Zellentür zeigt den wachhabenden Justizvollzugsbeamten die Risikofälle an, bei denen sie stündlich eine so genannte "Lebendkontrolle" vorzunehmen haben. Rund 200 Türen der JVA Moabit sind mit einem roten Punkt versehen. In den Zellen brennt außerdem während der ganzen Nacht das Licht. Doch das System greift offenbar nicht zuverlässig: Bei 17 der zwischen 1991 und 2000 insgesamt 30 Verstorbenen klebte der rote Punkt an der Tür. 13 erhängten sich morgens zwischen sechs und sieben Uhr.

Weshalb aber die Zahl der Selbstmorde in Moabit seit 2000 so sprunghaft angestiegen ist, kann die Arbeitsgruppe noch nicht beantworten. Sie hat ihre Untersuchungen noch nicht abgeschlossen. "Derzeit führt die Arbeitsgruppe Interviews mit Häftlingen, die einen Suizidversuch überlebt haben", sagt Justizsprecherin Teschner.

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