Kältetote in Berlin : Wenn der Winter lebensgefährlich wird

Zwei Rentner starben in der Nähe ihrer Wohnungen. Beide sind offenbar erfroren. Die Opfer: Eine 86-jährige Frau, die im Pflegeheim lebte, und ein 73-jähriger Mieter der Stadtmission.

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Nicht nur schön, sondern auch gefährlich: Der Winter in Berlin.
Nicht nur schön, sondern auch gefährlich: Der Winter in Berlin.Foto: dpa

In Berlin sind zwei Menschen erfroren. Vielleicht waren es Stunden, die ein 73-jähriger Mann bei Eiseskälte bereits im Gebüsch lag, in der Wohnanlage der Berliner Stadtmission in der Lehrter Straße in Moabit. Gegen 15.30 Uhr am Montag entdeckte eine 30-jährige Bewohnerin den Toten und rief die Feuerwehr. In Zehlendorf wurde eine 86-jährige Bewohnerin eines Pflegeheims tot im Freien aufgefunden.

Bei einem Rundgang gegen 2.45 Uhr in der Nacht zu Montag wurde sie nicht angetroffen, danach suchten erst Pfleger und später die Polizei Haus und Umgebung ab, sagte Geschäftsführerin Pia Reisert-Schneider. Eine Mitarbeiterin auf dem Weg zum Dienst fand die tote Frau dann am Montagmorgen. Die Leiche lag neben einem nicht verschlossenen Seiteneingang, der zu einer Beratungsstelle führt. Laut Reisert-Schneider habe die Frau sogar einen Schlüssel in der Handtasche gehabt. Die Frau lebte seit zwei Jahren im Heim, das durch Rasen und eine Hecke vom Teltower Damm getrennt ist.

Den Mitarbeitern gibt der Tod Rätsel auf. Vielleicht habe sich die Seniorin in der Nacht im Haus oder in der Umgebung versteckt, vermutet Reisert-Schneider. Draußen habe sie dann einen Herzinfarkt erlitten oder sei auf der leicht abschüssigen Fläche gestürzt und habe sich einen Oberschenkelhalsbruch zugezogen. Laut Reisert-Schneider würden Demente und psychisch Kranke häufig ausreißen. Die Tote allerdings sei weder dement noch pflegebedürftig gewesen, sondern „absolut örtlich orientiert“. Sie habe das Heim noch nie unangemeldet verlassen. Eventuell habe die Frau Wahnvorstellungen gehabt und die Beratung im Keller aufsuchen wollen. Das Heim wurde Ende der 50er Jahre als Hilfsstelle für von Nationalsozialisten aufgrund ihrer Herkunft verfolgte Menschen gegründet. Die Patienten können es jederzeit verlassen. Hinein gelangen sie mit Schlüsseln oder indem sie klingeln.

Den Verdacht, dass die Frau möglicherweise wegen mangelnder Beaufsichtigung starb, weist Reisert-Schneider zurück: „Noch engmaschiger geht es nicht“, sagt sie. Ein Pfleger habe alle drei Stunden nach der Frau geschaut, bei desorientierten Menschen würde noch öfter kontrolliert. Die Menschen einzusperren, wäre Freiheitsberaubung und wegen des Brandschutzes verboten. Bei der derzeitigen Eiseskälte habe man aber einen „geschärften Blick“ auf die Bewohner, damit diese nicht das Haus verlassen. Direkte Warnungen an sie gebe es aber nicht.

Auch in den Heimen der Caritas sollen die Pfleger verstärkt nach „weglaufgefährdeten und unruhigen Bewohnern gucken“, sagt Claudia Appelt von der Caritas Altenhilfe. Zudem gebe es vermehrte Kontrollgänge. Tagsüber versuche man, diese Personen verstärkt an Aktivitäten teilhaben zu lassen, um sie in die Gemeinschaft einzubinden.

Mindestens ebenso mysteriös erscheint der Fall von Moabit. Die Wohnanlage, dreistöckige beigefarbene Flachbauten, gehört zur Berliner Stadtmission. „Ich bin sofort hergekommen, um den Mann zu identifizieren“, sagte Ulrich Neugebauer, Leiter der Kältehilfe der Stadtmission. Er berichtete, dass der Rentner schon seit mehr als zehn Jahren in der kleinen Erdgeschosswohnung lebte. Warum der Mann im Gebüsch lag, ist Neugebauer unerklärlich. „Wir hoffen nach der Obduktion zu erfahren, was zu seinem Tod geführt hat. Vielleicht hatte er einen Herzinfarkt und ist dann der eisigen Kälte erlegen.“ Da er sehr helle Kleidung getragen habe, sei er kaum aufgefallen in dem teilweise mit Schnee bedeckten Gestrüpp.

Die Wohnanlage sei „ein integratives Haus: Hier wohnen Flüchtlinge, Alkoholiker und viele alte Menschen“, sagte Neugebauer. Er wisse nicht, ob der Rentner alkoholkrank war. Allerdings hätten ihn bereits vor einigen Monaten andere Bewohner darauf aufmerksam gemacht, dass es aus der Wohnung des 73-Jährigen „sehr streng riecht“. Daraufhin habe er mit dem Rentner gesprochen, „weil wir für ihn Hilfe über die Stadtmission organisieren wollten“, sagt Neugebauer. „Aber ich kann auch niemandem befehlen, in ein Pflegeheim zu gehen, wenn er nicht will.“ Der Rentner habe aus freien Stücken in der Wohnung gelebt und wollte dort auch bleiben.

Nachbarn zeigten sich am Dienstag sehr betroffen über den Tod. „Wir kannten den Mann nicht, aber haben gesehen, dass die Polizei da war. Das ist ja schrecklich, dass er so allein in der Kälte gestorben ist“, sagt eine Frau aus dem Stockwerk über der Wohnung des Mannes.

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