Kanadischer Zughersteller : Was wird aus dem Bombardier-Werk in Hennigsdorf?

Seit mehr als 100 Jahren kommen Züge aus Hennigsdorf. Jetzt werden bei Bombardier massiv Stellen abgebaut. Droht das Ende?

Helena Wittlich
Die Produktion von Schienenfahrzeugen hat in Hennigsdorf lange Tradition.
Die Produktion von Schienenfahrzeugen hat in Hennigsdorf lange Tradition.Foto: dpa

In der Rathenaustraße in Hennigsdorf ist nur der Postbote unterwegs. Direkt daneben, am historischen Haupteingang des Bombardier-Werkes, herrscht reges Treiben. Ständig geht die Schranke auf und ein Auto fährt rein oder raus. Letzte Woche hatte der Betriebsrat des Unternehmens bekannt gegeben, dass 500 Stellen im Werk in Hennigsdorf, eventuell sogar noch mehr, wegfallen sollen. Denn am Freitag berichtete das „Handelsblatt“, dass insgesamt 2500 Stellen in Hennigsdorf und in den Werken in Görlitz und Bautzen abgebaut werden sollen.

Sollte Bombardier die Produktion von Schienenfahrzeugen einstellen, hieße dies das Ende einer über 100-jährigen Tradition in der Stadt. Im Jahr 1910 zieht die AEG aus Berlin ins brandenburgische Umland und baut in Hennigsdorf ein Werk für Flugzeuge. Nur zwei, drei Jahre später verlegt das Unternehmen die Produktion von Elektrolokomotiven ebenfalls von Berlin nach Brandenburg.

Im Werk arbeiten auch viele Berliner

Im „Alten Rathaus“ haben Stadt und Geschichtsvereine aus Hennigsdorf eine Ausstellung errichtet, um die Vergangenheit „dem Vergessen zu entreißen“, wie der Vorsitzende des Hennigsdorfer Geschichtsvereins sagt. Antonius Teren kümmert sich mit Heimatforschern um das Stadtarchiv. „Am Anfang des 20. Jahrhunderts gab es in Hennigsdorf nur zwei mittelständische Unternehmen“, sagt Teren. Dann kam die „Randwanderung“ der Berliner Industrie; Firmen zogen von Berlin ins brandenburgische Umland. Da beginnt die über 100-jährige Industriegeschichte der Stadt.

Die Häuser in der Rathenaustraße sind ein Teil davon. Sie sind die erste Werkssiedlung, die die Allgemeine Elektricitäts-Gesellschaft (AEG) ab 1911 bauen ließ, um ihre Arbeiter nach Hennigsdorf zu locken. Entworfen hat die Gebäude der Architekt Peter Behrens. Von ihm stammt auch der Schriftzug am Reichstag „Dem deutschen Volke“. Die AEG-Siedlung steht seit Anfang der 1990er Jahre unter Denkmalschutz. Mittlerweile sind es ganz normale Wohnhäuser.

Mittlerweile kommen wieder viele der Bombardier-Mitarbeiter aus dem Umland nach Hennigsdorf. „Wir haben eine Menge Berliner, die hier arbeiten“, sagt Uwe Buchholz, SPD-Fraktionsvorsitzender in der Hennigsdorfer Stadtverordnetenversammlung. Rund 2500 Menschen arbeiten bei Bombardier. Buchholz ärgert sich vor allem über die Führung des Konzerns in Kanada. „Ihre Fehler werden auf den Schultern der Beschäftigten ausgetragen“, sagt Buchholz.

"Wir stochern im Nebel"

Sein Hauptkritikpunkt ist die Ungewissheit. Jeder Gesprächsversuch werde abgeblockt. Die Stadt zeigt sich sehr solidarisch mit den Beschäftigten und versucht, mit Briefen an den brandenburgischen, den Berliner und den Bundeswirtschaftsminister über die Politik Druck auszuüben. Das Unternehmen selbst spricht nur von Transformationsplänen, die man vorstellen möchte – aber erst im Juni. „Ohne eine Aussage der Konzernführung in Kanada stochern wir im Nebel“, sagt Buchholz.

In den Räumen des Geschichtsvereins erzählt Antonius Teren von den Einschnitten, die Hennigsdorf erlebte. Erster Weltkrieg, Zweiter Weltkrieg. Nach dessen Ende zerstörte die russische Besatzungsmacht alle Industrieanlagen. 1948 wird die AEG enteignet und in den volkseigenen Betrieb Lokomotivbau Elektrotechnische Werke „Hans Beimler“ Hennigsdorf umgewandelt. 1990 kam mit der Wende der nächste Bruch. Übernahme folgte auf Übernahme. „Bombardier und Hennigsdorf haben in den letzten Jahren schon sehr geblutet“, sagt Buchholz. Dennoch bleibt er optimistisch. „Hennigsdorf hat in den letzten Jahren auch Stärke bewiesen als Standort für Biotechnologie“, sagt er. Trotzdem sei klar: „Das kann die Arbeitsplätze nicht ersetzen, die bei Bombardier wegfallen könnten.“

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