Berlin : Katharinen-Orden: Stiller Widerstand in Sankt Gertrauden

Amory Burchard

Schwester M. Agatha packt mit beiden Händen den Stamm des Apfelbaumes im Krankenhausgarten. Die alte Dame schüttelt so energisch, dass ihr weißes Ordenshabit mitfliegt. Ein Golden Delicious plumpst ihr direkt vor die Füße. Schwester Agatha hebt ihn aus dem feuchten Gras auf, betastet ihn vorsichtig und sagt: "Der muss noch fünf Tage liegen."

Siebzig Jahre Sankt Gertrauden Krankenhaus - die Katharinen-Schwester ist seit 57 Jahren dabei: als Novizin, als Nonne, als Stationsschwester, als Köchin, als Sakristanin und schließlich als Obstgärtnerin.

"Beten und arbeiten, arbeiten und beten", das sei ihr Leben und das ihrer Mitschwestern, die in dem Wilmersdorfer Konvent leben, sagt die 76-jährige Schwester Agatha. Einen Ruhestand kennen sie nicht. Sehr alte Schwestern, die aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr arbeiten können, siedeln in das Mutterhaus des weltweit in der Kranken- und Altenpflege tätigen Katharinen-Ordens in Dahlem über oder in ein anders Haus in Westdeutschland.

In den Jahren nach der Gründung im November 1930 lebten und wirkten bis zu 120 Nonnen im Sankt Gertrauden Krankenhaus an der Paretzer Staße, heute sind es noch 13. (Über das Klinikjubiläum berichteten wir bereits in der Ausgabe vom Dienstag, dem 12. September.)

Als Schwester Agatha 1943 nach Berlin kam, suchte und fand sie eine Zuflucht in Sankt Gertrauden. Die Ostpreußin sollte dienstverpflichtet werden. Ihr Vater, ein Gastwirt und Kolonialwarenhändler im ermländischen Dorf Polkheim, ließ es nicht zu. Für ein Jahr kaufte er sie von der örtlichen Führung der Nationalsozialisten frei, zwei Jahre machte das junge Mädchen eine Ausbildung als Köchin und als Geflügelzüchterin.

Aber ihr Plan, wie sie auf immer dem "Dienst für Führer und Vaterland" entrinnen und ihrem Glauben folgen konnte, drohte zu scheitern. Aus dem Konvent der Katharinen-Schwestern in Braunsberg holte die SS in dem Moment die Novizinnnen und jüngeren Nonnen ab, als Agatha ihm beitreten wollte. Mit dem nächsten Nachtzug reiste Agatha nach Berlin - und mit dem Segen ihrer Eltern. Damals, sagt sie, war es eine Ehre für eine Familie, wenn ein Kind den Schleier nahm oder die Priesterweihe. Heute hat nicht nur der Katharinen-Orden Nachwuchsprobleme.

Das Sankt Gertrauden Krankenhaus war 1943 weit davon entfernt, eine Insel der Glückseligkeit zu sein. Und doch stammen die eindrücklichsten Erinnerungen Schwester Agathas aus der Kriegs- und Nachkriegszeit. Die Klinik wurde Lazarett: Neben 500 verletzten Soldaten konnten die Schwestern nur noch 200 zivile Patienten versorgen. Die nächtlichen Bombenalarme waren für das überbelegte Krankenhaus eine besondere Tortur: Aus vier Stockwerken mussten jedes Mal alle Patienten in den Keller gebracht werden.

1944 beschlossen Stabsarzt Bock und Oberin Schwester Winefrida, ständige Krankenzimmer im Keller einzurichten und die übrigen Patienten im ersten und zweiten Stock unterzubringen. Die Nonnen gaben dafür ihre angestammten Klausuren auf und zogen in den vierten Stock.

Beim Kampf um Berlin, als die sowjetischen Truppen einmarschierten, saß das ganze Krankenhaus zehn Tage lang im Keller, erinnert sich Schwester Agatha. Niemand konnte sich um die kleine Landwirtschaft auf dem Gelände des Krankenhauses kümmern: Damals gab es noch einen Schweinestall, einen Hühnerstall, eine Imkerei und einen großen Obst- und Gemüsegarten. Am 25. April hielt es Schwester Eulogia nicht mehr aus. Sie ging in den Garten zum Brutapparat, um die Hühnerküken zu retten. Eine Granate kam herunter. Schwester Eulogia rissen Splitter ein Bein ab. Sie wurde noch operiert, verblutete aber. Die Nonnen begruben ihre Mitschwester im Garten.

Aber als die großen Luftminen runtergingen, blieb Sankt Gertrauden wunderbarerweise verschont. Links und rechts nur noch Ruinen, das Krankenhaus blieb - mit zerborstenen Fenstern und Türen - stehen. Zerstörung drohte Ende Februar 1945. "Die Russen" kamen mit vier großen Panzern in die Paretzer Straße, richteten sich auf die Fassade aus. Wieder ein Einsatz für Mutter Winefrida und Doktor Bock: Mutig gingen sie auf die Panzer zu und erklärten einem Offizier, dass dies ein Krankenhaus und ein Konvent sei.

Der Arzt, erinnert sich Schwester Agatha, nahm sich kurz nach dem Krieg das Leben, weil er ein hohes Tier in der NSDAP war. Auch das gab es in Sankt Gertrauden. Aber die Hitler-Büste, die in jedem Lazarett zu stehen hatte, war eines Tages "bei einem Bombenangriff" zerborsten. Nur ringsum in der Eingangshalle blieb alles heil. Bis heute rätseln die Schwestern, wer der Plastik einen Stoß gab.

Nach 1945 blühte das Sankt Gertrauden Krankenhaus langsam wieder auf. Schwester Agatha, die vorher auf verschiedenen Stationen, in Garten und Küche arbeitete, bekam eine neue Aufgabe. Professor Werner Block, der leitende Chirurg, brauchte eine durchsetzungsfähige Stationsschwester. "Er ist der Typ des Chirurgen, wie man ihn sich gern vorstellt: groß, breitschultrig, temperamentgeladen, absoluter Herrscher im Operationssaal", schrieb der Tagesspiegel 1963 zu Blocks Pensionierung.

Schwester Agatha lacht. Ja, so sei er gewesen, aber gegenüber den Patienten und Angehörigen "zeigte er sein Herz, wie Butter so weich". Von den Schwestern war sie wohl die einzige, die ihm Paroli bieten konnte, die es wagte, seinen zuweilen selbstherrlichen Anweisungen auf Station zu widersprechen. Blocks Frau sagte einmal zu Schwester Agatha: "Jetzt habe ich es auch etwas leichter mit ihm."

Bis 1990 war sie Stationsschwester. Dann schloss sich der Kreis ihres Berufslebens wieder: Schwester Agatha übernahm den Obstgarten des Konvents, pflegt seitdem die Bäume, erntet und kocht im Sommer und Herbst zahllose Gläser Marmelade, Gelee und Apfelmus. "Ich habe noch nie Langeweile gehabt", sagt sie mit einem strahlenden Lächeln, und legt noch ein bisschen Fallobst in die Kiste.

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