Kinder als Maueropfer : Jung, unschuldig, tot

Unter den Opfern der Mauer waren zahlreiche Kinder. Die meisten ertranken in der Spree oder wurden beim Spielen erschossen.

Lea Hampel

Erst 13 Jahre alt ist Lothar Schleusener, und doch schmiedet er schon große Pläne. Mit einem Freund will er Verwandte in West-Berlin besuchen. Seiner Schwester verspricht er, ihr „was Schönes“ mitzubringen, wie sie später erzählt. Weit kommen die beiden Jungen nicht am 14. März 1966. Insgesamt 40 Schüsse feuerte ein Grenzposten auf sie ab, als sie durch den Sperrgraben liefen, beide Kinder starben im Kugelhagel. Lothars Eltern wird mitgeteilt, ihr Sohn sei in Leipzig durch einen Stromschlag gestorben.

Der Junge aus Friedrichshain und sein Freund waren nur zwei von neun Kindern unter 16 Jahren, die an der Grenze starben. Die wenigsten von ihnen wollten über die Grenze, sondern oft nur am Spreeufer spielen. Doch der Fluss war Ostgebiet.

Sechs Jahre ist Andreas Senk alt, als ihn im September 1966 ein anderes Kind beim Spielen am Kreuzberger Gröbenufer in die Spree schubst. Die Grenzposten auf Booten und an der 200 Meter entfernten Oberbaumbrücke bemerken den Unfall nicht. Die nach Stunden einsetzenden Rettungsversuche der West-Berliner Feuerwehr behindern sie zwar nicht – von Unterstützung kann jedoch auch keine Rede sein. Vier weitere Kinder ertrinken zwischen 1972 und 1975 an dieser Stelle, weil West-Berliner Rettungskräfte keine Erlaubnis oder Angst haben, vor bewaffneten DDR–Grenzern auf dem Fluss einzugreifen oder weil auf Ostseite verzögert reagiert wurde. Erste Gespräche zwischen dem West-Berliner Senat und dem DDR-Außenministerium finden erst nach dem Tod eines weiteren Kreuzberger Kindes im Mai 1973 statt. Die oft tödliche Tatenlosigkeit wird erst überwunden, als sich Senat und die DDR nach dem Tod von Cetin Mert einigen. An seinem fünften Geburtstag fällt der Junge im Mai 1975 beim Ballspielen in die Spree. Die Grenzposten fotografieren dies sogar, doch ein Rettungsboot trifft erst eine halbe Stunde später ein. Nach dem Unglück werden an der Spree Rettungssäulen installiert, mit denen die Ost-Grenzer im Notfall informiert werden konnten.

Jüngstes Opfer ist Holger H.. Das 15 Monate alte Kind erstickt bei der Flucht seiner Eltern im Januar 1973. Das Baby hatte während der Kontrolle am Grenzübergang Drewitz in der Kiste, die es verbarg, zu schreien begonnen. Seine Mutter hielt ihm den Mund zu, nicht bedenkend, dass das Kind mit Mittelohrentzündung und Bronchitis nicht durch die Nase atmen konnte.

Offiziell wurden Todesfälle an der Mauer vertuscht oder geschönt. Lothar Schleuseners Mutter erfuhr erst 1997, dass ihr Sohn nicht an einem Stromschlag gestorben war. Lea Hampel

Bilder und Infos aus: „Die Todesopfer an der Berliner Mauer 1961-1989“, Ch. Links Verlag, 24,90 Euro.

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