Kinderbetreuung in Berlin : Kitas bitten Familien zum Casting

Ab 1. August haben sogar Einjährige einen Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz, aber die Kapazitäten in Berlin sind knapp. Viele Eltern machen inzwischen bizarre Erfahrungen bei der Suche und der Senat warnt vor unlauteren Methoden mancher Träger.

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Bislang konnten nur Berufstätige einen Kitaplatz für ihre ein- bis zweijährigen Kinder beantragen. Das ändert sich am 1. August.
Bislang konnten nur Berufstätige einen Kitaplatz für ihre ein- bis zweijährigen Kinder beantragen. Das ändert sich am 1. August.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Mascha müsste jeder gerne nehmen. Das Mädchen ist klug, pflegeleicht, freundlich. Und eine Windel braucht die Zweijährige auch nicht mehr. Dennoch konnte sie beim Casting in der anvisierten Wilmersdorfer Kita nicht landen. Über die Gründe grübelt ihre Mutter bis heute.
Die angespannte Lage auf dem Kitamarkt treibt merkwürdige Blüten. Da werden Bewerbungsbriefe auf Büttenpapier geschrieben oder die eigenen handwerklichen Fähigkeiten gepriesen. Zudem greift die Praxis um sich, konkurrierende Familien erst mal zu „Schnupperstunden“ einzuladen. „Dort saßen wir mit 14 Eltern und Kindern, um einen der fünf begehrten Plätze zu ergattern“, berichtet ein Vater aus Friedrichshain. Die Erzieherinnen hätten alles genau beobachtet, um möglichst „passende“ Familien herauszufiltern.

„Abartig“ sei die Sache mit den Castings, findet Roland Kern vom Dachverband der Kinder- und Schülerläden. Aber das sei nun mal ein „Phänomen des knappen Marktes“. Kern wünscht sich eine Platzreserve, damit die Eltern sich nicht zu sehr verrenken müssen, um Aufnahme zu finden. An solch eine Reserve ist aber vorerst nicht zu denken. Die Behörden sind schon froh, wenn überhaupt alle Kinder versorgt sind. Andernfalls müssten sie mit Klagen rechnen, denn ab 1. August wird der Anspruch auf einen Kitaplatz ausgedehnt und gilt dann für alle, die das erste Lebensjahr vollendet haben.
Bislang haben berlinweit nur zwei etwa Drittel dieser Kinder einen Anspruch – etwa wegen Berufstätigkiet der Eltern. Die große Frage lautet, wie sich diese Zahl durch den ausgedehnten Rechtsanspruch verändert. „Wir gehen nur von einem geringen Wachstum aus“, sagt Ilja Koschembar, Sprecher der Jugendverwaltung. Letztlich werde aber erst im Herbst feststehen, wie sich die Eltern verhalten. Er verweist darauf, dass allein 2012 rund 5000 neue Plätze geschaffen wurden. Tausende würden noch folgen. Insgesamt gibt es aktuell 133 000 Kitaplätze.
Einige Bezirke sind daher optimistisch – selbst das kinderreiche Pankow. Jugendstadträtin Christine Keil (Linke) geht davon aus, „dass wir mit den Plätzen auskommen“. Der neue Anspruch für die über Einjährigen ändere in Pankow nicht viel, weil hier sowieso schon 80 Prozent dieser Altersgruppe einen Platz haben.

Wo fehlen in Berlin Kitaplätze? Die Grafik zeigt es.
Wo fehlen in Berlin Kitaplätze? Die Grafik zeigt es.Grafik: Tsp / Bartel

Eng dürfte es dennoch werden. So sind in Friedrichshain-Kreuzberg zwar rund 500 Kitaplätze frei, aber zugleich stehen 170 Kinder auf der Warteliste ihres Amtes, berichtet Jugendstadträtin Monika Herrmann (Grüne): Nicht immer passten die freien Plätze zu den Bedürfnissen. Wer einen Platz für ein vierjähriges Kind suche, dem nützte ein Krippenplatz nichts, manchmal sei die Kita zu weit vom Wohnort entfernt. Hunderte Plätze könnten im Bezirk sofort zusätzlich geschaffen werden, sagt Herrmann, wenn es genügend Erzieher gäbe.
Unterdessen führen die knappen Kapazitäten dazu, dass freie Träger ihre Forderungen an die Eltern hochschrauben. Sie sollen nicht nur bei den „Castings“ überzeugen, sondern auch zusätzlich Kautionen oder Monatsbeiträge für Angebote wie Bioessen zahlen. Damit die Familien sich dabei nicht über den Tisch ziehen lassen, hat die Jugendverwaltung nach Informationen des Tagesspiegels ein Schreiben erarbeitet, in dem genau erläutert wird, für welche Sonderleistungen die Kitas überhaupt Gebühren nehmen dürfen. Das Info-Blatt wird ab Oktober allen ausgehändigt, die einen Kitagutschein beantragen.
Wenn Kitas dagegen verstoßen, sollen Eltern sich beschweren.

„Kinder dürfen nicht ausgegrenzt und diskriminiert werden“, heißt es in dem Schreiben.

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