Kindermord-Prozess : Die stille Stunde der Julia K.

Als die Wehen einsetzen, verkriecht sich Julia K. in ihrem Zimmer, beißt in ein Stofftier. Die Eltern nebenan wissen nichts von der Schwangerschaft ihrer Jüngsten. Am Morgen finden sie ein totes Baby im Bett. Die Tochter steht wegen Totschlags vor Gericht.

Claudia Beckschebe
Was nicht sein darf. Es kommt immer wieder vor, dass Frauen ihre Schwangerschaft verdrängen. Das tat offenbar auch Julia, 24, Studentin aus Karow.
Was nicht sein darf. Es kommt immer wieder vor, dass Frauen ihre Schwangerschaft verdrängen. Das tat offenbar auch Julia, 24,...Foto: Kai-Uwe Heinrich

Es fühlt sich an, als würden ihre Finger im nächsten Augenblick zerbröseln, so schwach ist der Händedruck. Die Arme drückt sie fest an ihren Körper, duckt sich in ihren Parka, als würde sie frösteln. Scheues Lächeln. „Guten Tag“, sagt Julia K. leise. Mehr als eine Begrüßung bringt sie nicht hervor, sie lässt ihre ältere Schwester reden. Über ihre Kindheit, ihr Leben, ihre Familie – und jene Nacht, in der Julias Neugeborenes starb.

Als sich Anastasia K. ins Café setzt, dreht Schwester Julia ab. Sie will nichts sagen und auch nichts hören, geht lieber mit ihrer Nichte spazieren. Julia K. schließt das Baby in den Arm. Womöglich wird die kleine Lia ohne ihre Tante aufwachsen. Womöglich muss Julia K. ins Gefängnis. Womöglich hat sie ihren eigenen Säugling getötet.

Am Tag, als der Prozess im September beginnt, gibt es für Julia K. kein Entrinnen. Dieses Mal muss sie zuhören, als sich der Staatsanwalt im Berliner Landgericht erhebt, um über die Frau auf der Anklagebank zu sprechen. Er wirft ihr vor, am 10. Dezember 2012 ihr Kind direkt nach der Geburt erstickt zu haben. Sie habe dem ungewollten Säugling mindestens zehn Minuten lang eine Decke auf das Gesicht gedrückt, heißt es in der Anklage.

Drei Monate lang hat die 24-Jährige in Untersuchungshaft gesessen. Erst sieht es nach einem zügigen Prozess aus: ungewolltes Kind, verdrängte Schwangerschaft, Totschlag, Geständnis. Bei der Polizei hat Julia K. zugegeben, ihr Kind nach der heimlichen Geburt im Schlafzimmer erstickt zu haben. Jetzt sagt die Angeklagte nichts mehr. Ihr Anwalt verliest eine Erklärung. Julia K. wollte ihr Kind niemals töten, sagt er. Seine Mandantin habe unter schrecklichen Schmerzen und starkem Blutverlust gelitten. Irgendwann habe sie „nur noch mechanisch“ gehandelt, sei ohnmächtig geworden. Als sie wieder erwachte, habe ihr Oberschenkel auf dem Baby gelegen. „Das Kind wirkte leblos, ich war schockiert und entsetzt“, heißt es in der Erklärung. Warum dann das Geständnis im Dezember? Der Verteidiger argumentiert, dass die Einlassung nicht zu gebrauchen sei, er stellt einen Antrag auf Nichtverwertbarkeit: Traumatisierung durch die Geburtsanstrengung, Übermüdung bei der Vernehmung.

Es wird ein langwieriger Prozess.

Julia K. fixiert die glänzend polierte Holzkante des Tischs, während die Juristen in den schwarzen Talaren über ihren Fall streiten. Sie trägt das rötlich schimmernde Haar lang, ihre Hände umklammern die Ellenbogen. Blazer, Bluse, dunkle Hose, saubere Ballerinas. Die hellroten Schmucksteine auf den Schuhen passen zum Nagellack. Julia K. blinzelt selten, obwohl das Licht, das durch die hohen Fenster fällt, sie blenden müsste.

Der Vater der Schwestern müsste nicht aussagen, könnte wie Julia K. jedes Zeugnis verweigern. Aber die Richter sollen verstehen, was für ein gutes Mädchen Julia ist, seine jüngste Tochter. Er beantwortet jede Frage im Zeugenstand.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

1 Kommentar

Neuester Kommentar