Kinderwagen-Brandstifter : "Mir war egal, wer da wohnt"

26.01.2012 16:11 UhrVon Kerstin Gehrke
  • Die verbrannten Reste eines Kinderwagens in Prenzlauer Berg. Den mutmaßlichen Brandstifter hatte die Polizei im August gefasst. Fünf Monate später erhob der Staatsanwalt Anklage.... - Foto: dpa
  • 15.08.2011: In der Pasteurstraße in Prenzlauer Berg stehen zwei Kinderwagen in Brand. Eine Bewohnerin alarmierte gegen fünf Uhr morgens die Feuerwehr, nachdem nach Feuer gerochen... - Foto: dapd
  • Die Spuren einer Brandstiftung bleiben - nicht nur im Hausflur. Auch in Inneren eines jeden einzelnen Einwohners sind sie da, Nachbarn schauen sich nach dem Brand misstrauisch an. - Foto: dapd

Update Der Prozess gegen Maik D. hat begonnen: Der 29-jährige Zeitungsbote aus Neukölln hat gestanden, in Prenzlauer Berg Kinderwagen angezündet zu haben - aus nebulösen Motiven.

Elf Mal brachte er mit der Zeitung auch Feuer. Maik D. ist jener Zeitungsbote, der im Sommer im Szenekiez rund um den Kollwitzplatz in Prenzlauer Berg für Angst sorgte. „Schwabenhasser“ wurde er nach seiner Verhaftung genannt. Er selbst hatte mit einer ersten Aussage dafür gesorgt. Er wetterte über „Besserverdiener, die das Geld haben, andere zu verdrängen“. Kleinlaut saß der 29-Jährige am Donnerstag vor dem Landgericht und distanzierte sich. Kein Sozialneid und kein „Hass auf Schwaben“ sei Motiv gewesen.

„Ich war mit meiner Lebenssituation unzufrieden“, sagte der Brandstifter.

Ein Angeklagter, der alles gestand und doch viele Fragen offen ließ. Warum hielt er sein Feuerzeug immer wieder an Kinderwagen? Stille im Saal. „Mir war egal, wer da wohnte“, nuschelte der Angeklagte. „Haben Sie sich an den Flammen ergötzt?“ Nein, er habe seine Tour fortgesetzt, sagte der Zeitungszusteller. Er habe auch nichts gegen Menschen, sie sich teure Kinderwagen leisten können oder im Lokal sitzen, wenn er nach Mitternacht mit dem Fahrrad zur Arbeit fährt, beteuerte der Mann aus Neukölln. „Ich habe mich oft gefragt, warum ich das mache, ich weiß es wirklich nicht.“

Ein Albtraum für jeden Mieter: Ein Serienbrandstifter, der einen Schlüssel zum Wohnhaus besitzt und Feuer legt. Am 15. Juli steckte Maik D. erstmals einen Kinderwagen in Brand. Über die Gefahren habe er nicht nachgedacht, sagte der Angeklagte. „Ich bin heilfroh, dass nichts Schlimmeres passiert ist“, nuschelte er. In zehn Fällen hatte er in Hausfluren von Altbauten abgestellte Kinderwagen angezündet, einmal eine Bananenkiste. Die Flammen wurden schnell entdeckt. Doch drei Kinder atmeten Rauchgas ein und mussten behandelt werden. Eine Frau wurde am Arm verletzt.

Zivilbeamte hatten Maik D. bereits im Visier, als es am 19. August in einem Haus in der Winsstraße qualmte. Die Polizisten traten die Flammen aus. Kurz darauf klickten für D. die Handschellen. Er gab sich erst verwundert: „Ich habe doch gar nichts gemacht.“ Später polterte er laut Vernehmungsprotokoll: „Die ganzen Schwaben kotzen mich an.“ Leute aus dem Ländle mit viel Geld würden andere verdrängen, zeigte er sich wütend. Nun ruderte der Angeklagte zurück: „Das ist doch Schwachsinn.“ Er habe das zwar vor der Polizei gesagt, aber unter Druck.

Sein Jammer, so der Brandstifter, sei sein verpfuschtes Leben. Er sei ein Mensch, der gerne und viel arbeite. Zuletzt schuftete er tagsüber auf dem Bau und trug in der Nacht Zeitungen aus. Er schlief nur ein paar Stunden und putschte sich mit Drogen auf. „So konnte ich noch mehr arbeiten, aber es ging immer mehr vergab.“ 1800 Euro hatte er im Monat, aber er habe "alles verpulvert, meist für Drogen", sagte der Angeklagte. Der Prozess wird Montag fortgesetzt.

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