Kindesmissbrauch : Pädophile machen ihre Wohnungen zu Jugendclubs

Beratungsstellen warnen vor einer neuen Täterstrategie: Pädophile locken ihre Opfer in Wohnungen, in denen es Fernseher, Spielkonsolen und andere Annehmlichkeiten gibt. Über 30 solcher Wohnungen soll es in Berlin geben.

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Im Wohnzimmer die neuesten Spielekonsolen, ein großer Fernseher, eine Musikanlage, Internetzugang, Cola im Kühlschrank – und freundliche Gespräche mit einem netten Erwachsenen, der Sachen erlaubt, die zu Hause verboten sind. Welcher Jugendliche würde nicht gerne an einen Ort kommen, an dem er das alles findet? Die Vorstellung ist beklemmend: Aber Pädophile nutzen genau diese Wünsche und Bedürfnisse von Kindern und Jugendlichen aus, um mit ihnen in Kontakt zu kommen – und sie in ihre Wohnungen zu locken, mit dem Ziel, sie sexuell zu missbrauchen. Beratungsstellen sprechen vom Phänomen der „offenen Wohnungen“, einer verbreiteten Täterstrategie. Betroffen sind fast ausschließlich Jungen.

„Wir wissen von 30 Wohnungen in Berlin“, sagte Ralf Rötten, Geschäftsführer des Vereins „Hilfe für Jungs“, der die Beratungsstelle „Berliner Jungs“ betreibt. „Die Dunkelziffer ist vermutlich weit größer.“ Bis zu 70 Jungen gehen in einer solchen Wohnung ein und aus. Die Wohnungen sind in ganz Berlin verteilt. Laut Nachrichtenagentur dapd gibt es neun in Neukölln und fünf in Treptow-Köpenick. Die Polizei bestätigte die Existenz solcher Wohnungen, machte aber zur Anzahl keine Angaben. „Es existieren keine polizeilichen Statistiken zu dem speziellen Modus Operandi“, hieß es.

Das Phänomen ist nicht neu – aber nach Auskunft von Beratungsstellen nimmt die Bedeutung solcher Treffpunkte immer weiter zu. „Wir haben in den vergangenen drei bis vier Jahren in Berlin einen massiven Anstieg beobachtet“, sagte Rötten. Er vermute einen Zusammenhang mit der Schließung mehrerer Lokale vor allem in Neukölln, in denen Pädosexuelle Kontakt zu Jungen geknüpft hatten. Die Szene sei damals „ungewöhnlich dreist und offen“ gewesen.

Seitdem haben sich offenbar viele Pädosexuelle ins Private zurückgezogen. „Bei den offenen Wohnungen handelt es sich ausschließlich um Privatwohnungen, in denen die Pädosexuellen auch leben“, sagte Rötten. Das erschwere auch der Polizei die Ermittlungen: In einem Lokal könnten die Beamten viel leichter eine Razzia anordnen als in einer Privatwohnung, für die es viel schwerer ist, einen Durchsuchungsbeschluss zu bekommen. Die Wohnungen würden „als mögliche Tatorte von Sexualstraftaten gefahrenabwehrend oder strafverfolgend behandelt“, hieß es bei der Polizei. Die Ermittler könnten jedoch nur konkreten Hinweisen nachgehen, zum Beispiel von Nachbarn, Eltern oder vom Jugendamt.

Aufmerksam und wachsam sein – das rät auch Ralf Rötten Nachbarn und Eltern. Wenn man etwa bemerke, dass ein männlicher Nachbar permanent Besuch von Jungen bekomme, könne das ein Hinweis sein. „Welcher Erwachsene hat schon einen Freundeskreis, der fast ausschließlich aus Kindern und Jugendlichen besteht?“, sagte Rötten. „Das ist kein normales Verhalten.“ Die „Berliner Jungs“ setzen neben der Beratung der Opfer vor allem auf Aufklärung.

Nach Einschätzung von Friederike Beck, Sprecherin der Missbrauchsbeauftragten der Bundesregierung, Christine Bergmann, wird das Problem künftig noch an Bedeutung gewinnen. Denn es werde vermutlich immer mehr Jungen geben, die in schwierigen Familienverhältnissen leben und Nähe suchen – vor allem die zu einer Vaterfigur. Genau auf solche Jungen zielen Pädosexuelle ab, das haben die Berater der „Berliner Jungs“ immer wieder beobachtet. Dass sie aus prekären Verhältnissen stammen, macht diese Jungen besonders anfällig für das emotionale Werben der Männer. „Sie sind dann oft sehr dankbar“, sagte Rötten. Viele brächten gerne auch Freunde mit. „Das funktioniert wie ein Schneeballsystem.“ Aus Scham und Angst trauten sich die meisten nicht, über den Missbrauch zu sprechen.

Deshalb sei es besonders wichtig, das Beratungs- und Therapieangebot auszubauen, sagte Friederike Beck. Die Politik ist auf das Problem aufmerksam geworden. An diesem Mittwoch sollen die „offenen Wohnungen“ Thema beim Runden Tisch der Bundesregierung gegen Kindesmissbrauch sein.

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