Kino „Toni“ in Weißensee : Der Abspann läuft

Michael Verhoeven zeigt in seinem Kino „Toni“ in Weißensee fast nur europäische Filme. Nun möchte er das Haus verkaufen. Das Kino aber soll bleiben.

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Antonplatz in Berlin Weißensee, im Hintergrund das Kino Toni.
Antonplatz in Berlin Weißensee, im Hintergrund das Kino Toni.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Der mögliche Verkauf eines Kinos muss misstrauisch machen. Allzu oft fand sich danach für das Lichtspielhaus eine andere, lukrativere Verwendung. Man muss, um solche profitorientierten Lösungen zu studieren, nur den Kurfürstendamm rauf- und runterspazieren.

Im Falle des „Toni“ und des angeschlossenen „Tonino“ am Weißenseer Antonplatz scheint die Gefahr vergleichsweise gering. Der Besitzer versichert, nur einen Käufer zu akzeptieren, der den Kinobetrieb weiterführen will. Und da es sich bei ihm selbst um einen Filmmann mit ausgewiesener Leidenschaft für sein Metier handelt, dürfte es so auch kommen.

Seit 1992 ist der in Berlin geborene und in München lebende Regisseur Michael Verhoeven der Eigentümer des Hauses Antonplatz 1, eines Wohngebäudes mit integriertem Filmtheater, wie das in der Anfangsjahren des Kinos in Berlin üblich war. Es waren für ihn oft schwierige Jahre. Die Multiplexe – gleich fünf in der Umgebung – saugten auch seinem Doppelkino Publikum weg, auch zogen viele Alteingesessene fort, und mit seinem anspruchsvollen Programm mit Schwerpunkt auf dem europäischen Film ließen sich pubertierende Kinogänger, selbst wenn sie zuvor als Kinder dort das „Spatzenkino“ genossen hatten, ohnehin nicht halten. Aber mittlerweile sieht es wieder gut aus, Weißensee liegt im Aufwind, neue Familien sind dorthin gezogen, das merkt auch Verhoeven an den Besucherzahlen.

Ein Viertel europäische Filme

Aber verkaufen wird er trotzdem: 77 Jahre ist er jetzt alt, da will er etwas kürzertreten, hat sich daher den absehbaren Ruhestand seiner Kinoleiterin in zwei Jahren als Zeitrahmen gesetzt für den Ausstieg aus dem Kinounternehmertum. Sie war schon sechs Jahre dabei, als er das Toni von der Treuhand übernahm, den Zuschlag bekam von der Kulturjury, die über die Vergabe der Ost-Kinos entschied. Ein Viertel europäische Filme wolle er zeigen, so hatte er es damals zugesagt, mittlerweile liegt der Anteil dieses Segments sogar bei drei Vierteln.

Seit dem 4. September 1920 gibt es das Kino am Antonplatz, anfangs hatte es noch 700 Plätze und hieß Decla-Lichtspiele, gehörte also zu der Kinokette, die die Produktionsfirma Decla-Bioskop AG zwecks Vermarktung ihrer Filme betrieb. Einer der Chefs war Erich Pommer, der später Filme wie „Metropolis“ und „Der blaue Engel“ produzierte. Ohnehin war Weißensee damals einer der wichtigsten Filmorte in Deutschland, Filme wie „Das Cabinet des Dr. Caligari“ wurden hier gedreht.

Nach der Eröffnung durchlief das Toni die zeitüblichen Stationen: 1921 Umbenennung zum Ufa-Theater; 1945 Übernahme durch die Sojusintorgkino; von 1947 bis 1979 wieder in privater Hand, zuletzt sogar das letzte privat geführte Kino in Ost-Berlin; 1982 Wiedereröffnung nach umfangreicher Restaurierung mit 277 Plätzen; 1992 Verkauf an Verhoeven.

Verhoeven ist optimistisch

Der baute das Kino vier Jahre später bei laufendem, nur kurz unterbrochenem Spielbetrieb um, reduzierte das Toni um zwei Sitzplätze, fügte aber das Tonino mit 102 Plätzen hinzu, in einem Nebengebäude, in dem zu DDR-Zeiten die Heizungsanlage und großzügig bemessene Aufenthaltsräume für das ebenfalls großzügig bemessene Personal untergebracht waren. Auch durch einen Brand 2007 in dem kleinen Saal ließ sich Verhoeven in seiner Treue zu dem alten Kino nicht beirren, im Jahr darauf schon wurde der Saal neu gestaltet wiedereröffnet, und auch das Toni hatte Verhoeven gleich etwas mitaufgemöbelt und 20 Plätze zugunsten größerer Bequemlichkeit gestrichen. Zuletzt bekamen beide Säle noch digitale Projektionstechnik spendiert, ohne die es heute nicht mehr geht.

Ein offenbar solide geführtes und intaktes Kino also, Verhoeven ist daher optimistisch, Toni und Tonino samt dem Wohngebäude wie gewünscht zu verkaufen. Ein erster möglicher Interessent habe sich schon gemeldet, Betreiber von bislang vier Kinos in Berlin und Umgebung, sagt er. Es sieht also nicht schlecht aus für das Kinoleben am Antonplatz.

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