Klaus Wowereit : Das Beta-Tier
10.07.2012 08:26 UhrBeim Christopher Street Day vor zwei Wochen hielt er eine ernste Rede. Im blau karierten Hemd, den fein gestrickten Pullover lässig über die Schulter geworfen, stand Klaus Wowereit am Brandenburger Tor, hoch über der bunt geschmückten Menge, sein Credo verkündend: „Alle sollen so akzeptiert werden, wie sie sind.“ Vor einem Jahr war der Regierende Bürgermeister bei gleichen Veranstaltung noch in ausgelassener Stimmung durch die Straßen gelaufen.
Den Sieg bei der Berliner Abgeordnetenhauswahl vor Augen, im Jogginganzug, und hinten stand drauf: „Mutti vons Janze“.
Vorbei, vorbei. Jubelnde Mengen sind für Wowereit zu einem seltenen Vergnügen geworden. Seit Mai, seit dem Desaster um den Flughafen in Schönefeld, nehmen die Sozialdemokraten in der Hauptstadt missvergnügt zur Kenntnis, dass der CDU-Landeschef und Innensenator Frank Henkel auf gutem Weg ist, in Berlin zum Vati vons Janze zu werden. Die Meinungsforscher sehen den Christdemokraten seit Wochen klar an der Spitze der politischen Beliebtheitsskala. Gefolgt vom parteilosen Finanzsenator Ulrich Nußbaum, der vor drei Jahren aus Bremen an die Spree kam. Wowereit selbst gilt den Wählern nur noch als Mittelmaß.
Das ist das Schlimmste, was ihm passieren konnte. Seit dem 16. Juni 2001, als ihn das Landesparlament erstmals zum Regierungschef wählte, hat Wowereit stets polarisiert. Die einen mögen ihn, die anderen finden ihn schrecklich. Aber er blieb unangefochten an der Spitze, als charismatischer Repräsentant Berlins, der den Bogen zwischen dem Häuschen der Mutter im kleinbürgerlichen Lichtenrade und der großen weiten Welt spannte. Mit dem unbedingten Willen zur Macht und einem rustikalen Charme, der das internationale Markenzeichen des Regierenden Bürgermeisters wurde.
Bildergalerie: Wowereit feiert mal wieder
Wowereits Hoffest 2012(8 Bilder)
Dreimal gewann er Wahlen in Berlin. Sogar als potenzieller Kanzlerkandidat der SPD wurde er gehandelt, seit November 2009 ist Wowereit Vizechef der Bundespartei. Die Konkurrenz aus den anderen Parteien, zuletzt die Grüne Renate Künast, hielt er erfolgreich auf Abstand, und wer im Wettbewerb mit Wowereit Schaden nahm, brauchte für den Spott des Mannes im Roten Rathaus nicht zu sorgen. Als der CDU-Spitzenkandidat Friedbert Pflüger im Sommer 2006 vor der Kamera sagte: „Herr Wowereit hat das die letzten fünf Jahre ganz gut hingekriegt“, lief das als Wahlkampf-Spot der SPD im Kino. Ein echter Brüller.


























