Berlin : Klein bisschen abgedreht

In Wedding hat das erste spirituelle Kino eröffnet. Heute Abend läuft ein Film von Doris Dörrie

Sebastian Leber

Gleich der erste Satz schreckt ab. Wer im Internet die Programmvorschau des neuen „Kinos am Sparrplatz“ sucht, wird ohne Vorwarnung mit einem herzlichen „Mögen alle Wesen glücklich sein“ begrüßt. Im Prinzip wohl eine nachvollziehbare Aussage – aber welcher vernünftige Mensch schreibt so was auf seine Homepage?

Usch Schmitz und Kraft Wetzel heißen die beiden. Sie haben gerade Berlins „erstes spirituelles Kino“ eröffnet, ein Kino, in dem ausschließlich Spiel- und Dokumentarfilme mit spirituellem Inhalt gezeigt werden. Mit Titeln wie „Unterwegs in die nächste Dimension“ oder „Wie geht glückliches Leben?“. Klingt erstmal komisch. Aber der Anblick des Kinosaals beruhigt: Es gibt Parkettboden statt Wollteppich, bequeme Sessel statt Sitzkissen. Die Inhaber tragen keine Gewänder. Nicht mal glasige Augen haben sie. Das „Kino am Sparrplatz“ soll ein Versuch sein. Ein viermonatiges Experiment, um herauszufinden, ob es eine Nachfrage gibt. Wetzel schätzt die Zahl der spirituell interessierten Berliner auf mindestens 100 000. „Da sind auch die mitgerechnet, die bloß ein Mal die Woche zum Yoga gehen.“

Weder das Fernsehen noch Programmkinos zeigten Filme über Glauben, sagt Wetzel. „Für die ist es schlimm genug, wenn man einen Glauben hat.“ Ein bisschen kann er die Skepsis verstehen. Er war ja selbst mal so. Kraft Wetzel – das ist übrigens kein Sektenname, der Mann heißt wirklich so – war früher Journalist, schrieb für „Die Zeit“ und die „Neue Zürcher Zeitung“. Und war „allem Spirituellen grundsätzlich abgeneigt“. Dann hat er auf einer Skireise eine Yogastunde besucht, und das auch nur, weil sie im Pauschalangebot enthalten war „und ich somit für den Quatsch bezahlt hatte“. Das war natürlich kein Quatsch, wie er schnell herausfand. Zu Hause in Berlin wagte er sich in die Esoterik–Ecke einer Buchhandlung. Da fing es an.

Inzwischen sind Wetzel und seine Partnerin Profis in Sachen Spiritualität. Vor sechs Jahren haben sie „Nirwana Events“ gegründet, eine Agentur, die spirituelle Vorträge und Lesungen organisiert. Ursprünglich wollten sie Nirvana mit v schreiben, das ging aber nicht, weil die Plattenfirma Warner die Markenrechte hat – wegen der gleichnamigen Band von Kurt Cobain. Im Saal in der Triftstraße, einem ehemaligen Studentenkino, wollen Usch Schmidt und Kraft Wetzel nun „Filme zeigen, aus denen man etwas rausziehen kann. Die wahrhaft und nützlich sind.“ Ein weites Feld also. In den ersten Wochen sind vor allem Produktionen mit buddhistischem oder christlichem Bezug im Programm. Heute um 18 Uhr läuft „Augenblick“ von Doris Dörrie. Das persönlichste Werk der Regisseurin, findet Schmidt. Aber auch das unbekannteste. Kein Wunder: Der Film zeigt, wie Dörrie 1997 zum Buddhismus fand. In den letzten neun Jahren war „Augenblick“ ein einziges Mal im Fernsehen zu sehen.

Das Kino in der Triftstraße 67 in Wedding zeigt donnerstags bis sonntags zwei Filme pro Abend. Das Programm findet man unter www.nirwana-events.de.

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