Berlin : Klinikärzte: Wenn der Schichtdienst kommt, sind die Nebenverdienste futsch

Christoph Stollowsky

32-Stunden-Dienste von Klinikärzten bis zur Übermüdung, immer mehr unbezahlte Überstunden: In vielen Krankenhäusern gehören solche Arbeitszeiten zum Alltag, obwohl sie die Qualität der Patienversorgung gefährden können und teilweise gegen das Arbeitsschutzgesetz verstoßen. In der Regel werden solche Mammut-Dienste unter der Hand organisiert und stillschweigend akzeptiert, weil besonders junge Ärzte auf diese Weise ihren Verdienst aufbessern und die Ausbildung beschleunigen können. In der Öffentlichkeit wird darüber selten gesprochen. Doch die jüngste Debatte um das Für und Wider von Bereitschafts- oder Schichtdiensten in den Kliniken vor dem Hintergrund eines Urteiles des Europäischen Gerichtshofes hat die Arbeitsbedingungen der Mediziner stärker ins öffentliche Interesse gerückt.

Der Europäische Gerichtshof hat, wie berichtet, auf Grund einer Klage von spanischen Ärzten die offiziell üblichen Klinikdienste ins Wanken gebracht. Er entschied, dass die nächtlichen Bereitschaftsdienste von Ärzten, die sie im Anschluss an einen achtstündigen Tagesdienst leisten, in vollem Umfang als Arbeitszeit anerkannt werden müssen - egal, wieviel Stunden sie davon schlafen oder auf Station verbringen.

Unter dem Strich wäre ein Arzt in diesem Falle gut 24-Stunden durchgehend im Dienst - eine Belastung, die eindeutig gegen das Arbeitsschutzgesetz verstößt. Um diesen Konflikt mit dem Gesetzgeber zu vermeiden und Kosten zu sparen, werden die derzeitigen Nachtbereitschaften maximal zur Hälfte als Arbeitszeit anerkannt und bezahlt. Sollte das nun wegen des Richterspruches nicht mehr möglich sein, müsste die Kombination von Tagdienst- und Nachtbereitschaft abgeschafft werden. Als Ausweg sind Acht-Stunden-Schichten im Gespräch - eine Alternative, die bisher nur in Ambulanzen und auf Intensivstationen üblich ist, weil deren Ärzte auch nachts fast ununterbrochen arbeiten.

Kommt ein solches Schichtsystem, wird es kaum mehr möglich sein, inoffiziell länger zu arbeiten. Viele angehende Ärzte lehnen Schichten deshalb ab, heißt es in den Verwaltungsetagen der Krankenhäuser. Dabei geht es den Medizinern um Konto und Ausbildung. Denn im Rahmen des Bereitschaftsdienstes sind Assistenzärzte häufig unter der Hand weit mehr als 24 Stunden im Einsatz. Dafür unterschreiben sie, dass ihre Präsenz "zur Sicherung der Patientenversorgung" nötig war - und leisten danach noch einen ganzen Tagdienst ab. Würde stattdessen mehr Personal eingestellt, fielen zusätzliche Sozialleistungen an. Folglich favorisieren manche Kliniken den 32-Stunden-Marathon-Dienst und zeigen sich erkenntlich, indem sie den eifrigen Jung-Medizinern die gesamte vorangegangene Nachtbereitschaft honorieren.

Viele Ärzte verdienen auf diese Weise 1000 bis 2000 Mark mehr und verkürzen durch ständige Präsenz ihre Ausbildungszeiten. Darüber hinaus ist ihnen der schnellere Weg zum Facharzt zahlreiche unbezahlte Überstunden wert, die oft zusätzlich erwartet werden. Ein Geben und Nehmen. Jetzt melden sich die Kritiker erneut zu Wort.

"Arbeitet ein Arzt derart lange, nimmt seine Fehlerquote zu, vor allem, wenn er im Nachtdienst mehrfach geholt wird", sagt der Gesundheitsexperte der Grünen im Abgeordnetenhaus, Bernd Köppl. "Das ist eindeutig dokumentiert." Ob 36-Stunden-Dienste möglich sind, hängt folglich stark von der Einstellung der jeweiligen Chefärzte ab. Selbst innerhalb einzelner Krankenhäuser wird dies unterschiedlich gehandhabt, je nachdem, wie hoch der jeweilige Klinikchef das Risiko von Übermüdungen einschätzt.

Kommt die Schichtarbeit, hat dieses Debatte ein Ende und wird vermutlich durch eine neue Auseinandersetzung ersetzt. Denn auch das Schichtsystem kann nicht zur Regel werden, weil Ärzte dabei öfter wechseln. Das bringt Stress, während Bereitschaftsdienste eher Kontinuität sichern - ein wichtiger Aspekt bei Patienten, die viel menschliche Nähe brauchen oder intensiv medizinisch versorgt werden müssen wie im Kreißsaal oder auf Krebsstationen.

"Je kleiner die Abteilung, umso mehr Unruhe erzeugt der Schichtwechsel", warnen Ärztesprecher. Außerdem gebe es Spezialisten, die sich nicht einfach verdreifachen lassen, damit der Schichtbetrieb läuft. "Diese Kollegen müssen für ihre Patienten da sein - egal, wie lange."

Bisher ist in Sachen Schichtarbeit aber noch Vieles offen. Denn ein Schichtsystem braucht mehr Personal und ist entsprechend teurer. Allein an den Unikliniken der Charité wären nach Angaben der Verwaltung rund 200 zusätzliche Mediziner nötig. Unklar ist außerdem, in welchem Umfang der Beschluss des Europäischen Gerichtshofes für deutsche Kliniken rechtlich bindend ist - darum streiten noch die Juristen. In fast allen Krankenhäusern verhält man sich deshalb eher abwartend.

Nur Charité-Verwaltungschef Bernhard Motzkus prescht vor, weil er wenig Chancen sieht, den Spruch zu ignorieren. Er sagt das nicht ohne Hintergedanken, denn eine drohende neue Kostenlawine könnte seine Position bei den laufenden Budgetverhandlungen mit den Kassen durchaus festigen. Rund 20 Millionen Mark werde der Schichtdienst an seinen Klinken zusätzlich erfordern, hat er ausgerechnet. Diese Summe packt Motzkus auf den Verhandlungstisch. Motto: Wer hoch pokert, wird weniger runtergehandelt. Die Arbeitsgemeinschaft der Berliner Krankenkassen reagiert schroff. Solche organisatorischen Veränderungen, heißt es, müssten die Kliniken erst einmal "mit ihren vorhandenen Wirtschaftlichkeitsreserven" bewältigen. Das wird kaum möglich sein.

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