Berlin : Klinisch tot

Thomas Loy

Wie riecht ein totes Krankenhaus? Gar nicht. Pling, pling, plong. Die Neonröhren springen an und sprengen ihr Licht über einen blitzsauberen Flur, begleitet von einem leisen Surren. Die Luft ist warm und unverbraucht. Haus M, 3. Stock, Stationen 20 und 22. Hier lagen mal kranke Menschen. Jetzt wird hier die Konkursmasse des Krankenhauses Moabit verwahrt. Aus den Patientenzimmern wurden "Lagerräume für Anlagegeräte". Ein Zettel an der Wand weist die aktuelle Belegung aus: Zimmer 312: Betten, 1 Fernseher. Zimmer 329: Nachtstühle. 348: leer. 346: Eimer, Schüsseln. 350: Notfallkoffer, Bildbetrachter. 370: Liegen. Auf der anderen Seite des Fahrstuhls ist die Doppeltür zum OP, verrammelt mit Kette und Vorhängeschloss.

Vor drei Monaten hat das Krankenhaus Moabit den Betrieb eingestellt. Ein großes Klinikgelände, gerade frisch renoviert und ausgestattet, wurde geschlossen und 783 Mitarbeiter entlassen - ein bundesweit einmaliger Vorgang. Die hungrigen Sparschweine von Senat und Krankenkassen haben sich schon das nächste Opfer ausgeguckt: das Benjamin-Franklin-Klinikum der FU. Dabei haben sie das Klinikum Moabit noch gar nicht verdaut.

Wieder Haus M, diesmal im Keller: Ärzte und Schwestern überwachen die Bestrahlungen von Krebspatienten. Die Stimmung ist gut. Die Abteilungen Onkologie (Krebsmedizin) und Strahlentherapie sind nach zähem Ringen in Moabit verblieben. Offiziell gehören sie zum Vivantes-Krankenhaus im Friedrichshain. Doch welcher Kranke interessiert sich schon für Formalitäten? Die Tumorpatientinnen Ursula Grau und Erika Steinert sind jedenfalls froh hier zu sein. Frau Grau war schon vor elf Jahren in Moabit operiert worden. Und Frau Steinert schwärmt von den tollen Ärzten und Pflegern. Für sie lebt das Krankenhaus Moabit auch nach seinem Ableben weiter.

Kann ein Krankenhaus überhaupt sterben? Chefärztin Ursula Rühl zieht gerade um, vom linken Flügel in den rechten Flügel des Röntgenhauses. Es handelt sich um das Projekt "Zusammenrücken der Abteilung", damit der linke Flügel vermietet werden kann, von "Moabit". Das Kürzel steht jetzt für die Nachlassverwalter, die in Haus E die Geschäfte der "Krankenhaus Moabit gGmbH" abwickeln. Doch mit der Selbstauflösung hat man es nicht so eilig. "Wir machen erst mal weiter", sagt Verwaltungsdirektor Hartmut Piesnack. Seine "Abwicklungscrew" hat noch eine Stärke von 30 Mann. Frau Rühl leitet die Strahlentherapie und wird immer wieder von beunruhigten Patienten angerufen: "Sind Sie noch da?" Sowas ist nicht schön und deshalb nutzt sie hier die Gelegenheit, um ganz Berlin mitzuteilen: Die Strahlentherapie existiert und macht weiter wie bisher. Immerhin sei die Abteilung einer der Eckpfeiler des Krankenhauses Moabit gewesen. Und so einen tragenden Pfeiler könne man eben nicht einfach ausbauen. Das darf ganz konkret verstanden werden: Die tonnenschweren Computertomographen und Linearbeschleuniger, fast noch neuwertige Investitionsgüter im Wert von 20 Millionen Euro, sind in den ehemaligen Bunkern quasi nicht mehr zu verrücken. Das hatten irgendwann auch die Schreibtischtäter in der Senatsverwaltung verstanden.

Eine Bestandsaufnahme: Der Blumenladen an der Einfahrt Birkenstraße ist dicht. Der Kiosk ist offen, der Friseur kommt noch an drei Tagen. Das Café im kirchlichen Zentrum ist weiter geöffnet. Das Schwimmbad im Hochhaus ist dicht. Die private Krankengymnastikschule macht weiter, vorerst auch die staatliche Krankenpflegeschule. Für ein geschlossenes Krankenhaus ist noch einiges los. Von einstmals 600 Betten sind noch rund 120 da. Chefarzt Klaus-Peter Hellriegel präsentiert im Haus K seine Diagnosetechnik: Bronchoskopie, Gastroskopie, Rektoskopie, Laparoskopie. Die teuren Geräte sind mit Tüchern oder Plastikfolien bedeckt - sie werden nur noch selten gebraucht. In vollem Betrieb befinde sich allerdings die Blutbank, die auch andere Krankenhäuser beliefert. Hellriegel soll mit seiner Abteilung ebenfalls nach Friedrichshain umziehen. - nur werde das wesentlich später stattfinden als geplant. Einige seiner Patienten würden den Umzug nach Friedrichshain nicht mitmachen. Da gebe es Vorbehalte, wegen Ost-West ... na ja, ein unschönes Thema. Hellriegel geht nach vorerst erfolgreicher Standortverteidigung demnächst in die Offensive. Eine Tagesklinik soll eingerichtet werden - damit erhöht sich die Bettenzahl um weitere 5. Und die Zahl der Patienten um ein Vielfaches. Der Chefarzt zeigt noch einmal sein Taktiker-Lächeln. Das Labor und die Endoskopie könnten sofort auf ihre alte Kapazität hochgefahren werden.

Und noch jemand ist in Moabit geblieben: die Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie von Chefarzt Jochen Albrecht in den oberen Stockwerken des Hochhauses. Die Patienten stehen Schlange, da könne man glatt eine zweite Station aufmachen, sagt Oberschwester Carmen Graf. Das wird wohl nichts, denn man gehört jetzt zum Hedwig-Krankenhaus in Mitte. Und von dem wiederum erwarten die Krankenkassen, dass es für die Psychiatrie 20 Prozent weniger Geld verbraucht als die Abteilung bisher gekostet hat - quasi als Prämie für die Übernahme. Die Küchenfrau ist schon gestrichen, Nachtarbeit wird nur noch mit Freizeit ausgeglichen. "Es schrumpft", sagt Schwester Carmen. Das Verhältnis zum neuen Arbeitgeber sei nicht ohne Spannungen, sagt Chefarzt Albrecht. Doch auch er bemüht sich, Optimismus zu verbreiten. Nach 13 guten Jahren in Moabit müsse man eben einen "Schnitt" machen und nach vorne schauen - dabei hebt er die Hand und schnipst. In Moabit war Albrecht Alleinherrscher, im Hedwig-Krankenhaus wird er seinen Platz mit zwei Chefarzt-Kollegen teilen müssen. "Das ist eine Frage von Kooperation oder Subordination. On verra" - man wird sehen.

In den verlassenen Stockwerken des Hochhauses brennt noch das Etagenlicht. In der Nacht ist es gruselig hier, sagt Oberschwester Carmen. Zur Geisterstunde besuchen ab und zu Jugendliche oder Obdachlose das Krankenhaus. Sie schauen, ob sich der Leichnam Moabit schon fleddern lässt. Bis jetzt wurden sie eher enttäuscht.

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