Berlin : "Körperwelten": Ein Requiem für 200 Tote

Armory Burchard

"Herr erbarme dich": 300 Christen beteten am Mittwochabend für die Toten, die in der Ausstellung "Körperwelten" gezeigt werden. Die ungewöhnliche Trauergemeinde war zu groß für die Kirche der Katholischen Akademie, in der das Requiem stattfinden sollte. So zelebrierte der geistliche Rektor der Akademie, Ernst Pulsfort, die Totenmesse im Festsaal. In seiner Predigt erklärte der Pfarrer, warum sich Christen gegen die Aussstellung des "Plastinators" Gunther von Hagens empören, die am 10. Februar im Postbahnhof am Ostbahnhof eröffnet wurde.

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Die Ausstellung plastinierter Leichen verleugne "die Erkenntnis und Erfahrung, dass wir Menschen viel mehr sind als anatomische Wunderwerke", sagte Pulsfort. "Wir Christen glauben, dass Gott Mensch wurde, um uns Menschen zu zeigen, wer wir wirklich sind; dass wir nämlich nicht nur aus Fleisch und Blut, sondern aus Gott geboren sind."

Nach dem Requiem fiel es befragten Teilnehmern schwer, ihre Gefühle gegenüber den Toten der Ausstellung zu beschreiben. "Man trauert um Menschen, die man kannte", sagte Martina Dewald. Das aber bleibe den anonymisierten Plastinaten verwehrt, glaubt die 39-jährige Krankenschwester. Es wäre wichtig, "den Toten dort die Würde wiederzugeben", sagte der 20-jährige Jurastudent Christoph Paykowski. Traurig stimme es ihn, dass sich täglich mehrere Menschen der Plastination nach dem Tode verschrieben.

Josef Nietzsch, Mathematiker an der Humboldt-Universität, war wohl einer der wenigen Besucher des Gottesdienstes, der in den Postbahnhof gegangen ist. Von Verfechtern der Schau habe er sich fragen lassen müssen, ob er die Ausstellung überhaupt gesehen habe. Aber auch nach dem Rundgang bleibt Nietzsch bei seinen grundsätzlichen Bedenken: "Durch die Umformung menschlicher Leiber zu Pseudokunstwerken" werde eine moralische Schwelle überschritten, die den Menschen gesetzt sei. Die in Posen gebrachten toten Körper bedeuten für Nietzsch "eine Erhebung des Menschen über die gesamte Schöpfung".

Auf ihrem Weg zum Requiem hatten die Gottesdienstbesucher an einer Demonstration des "Bundesverbandes der Körperspender" vorbeigehen müssen. Zehn Menschen, die sich in von Hagens Heidelberger Institut plastinieren lassen wollen, protestierten gegen das Totengedenken der Kirche mit Transparenten, auf denen "Körperspende ist keine Sünde" oder - spöttisch - "Ein Requiem für Ötzi" stand. "Das Requiem ist ein Akt der Entmündigung. Die Körperspender haben sich schließlich aus freien Stücken entschlossen, ihre Körper für die Plastination zur Verfügung zu stellen", sagte der Vorsitzende des Verbandes, Peter Rosenthal. Auf den Vorwurf der Entmündigung entgegnete Pfarrer Ernst Pulsfort während des Gottesdienstes, er respektiere die Entscheidung der Körperspender. "Gott wird denen, die nicht an ein ewiges Leben glauben, dieses Leben nicht aufzwingen." Aber die in der Akademie versammelten Christen wollten die ausgestellten Toten "der Liebe Gottes anempfehlen".

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