Berlin : Kokain in Berlin (Teil 4): Der Absturz ins violette Nichts

Andreas Conrad

Wer das Bild gesehen hat, vergisst es nicht: der Blick aus einem Fenster, eine Wand, Vorhänge, ein paar traurige Geranien als Rahmen, dahinter die nächtliche Großstadt, ein Lichterspiel in Rot, Blau, Violett und Schwarz, bedrohlich und faszinierend zugleich. Im Vordergrund ein Mann, wie im Sprung erstarrt. Die eine Hand noch an der Gardine, in der anderen eine Spritze, balanciert er gleichsam zwischen Entschweben und Absturz - "Der Tod des Dichters Walter Rheiner", 1925 gemalt von Conrad Felixmüller.

Nur diesem Denkmal in Öl, das sein Freund dem expressionistischen Dichter in dessen Todesjahr gesetzt hatte, ist es zu verdanken, dass Rheiner im Bewusstsein der Gesellschaft halbwegs präsent geblieben ist. Ihm selbst ist das mit seinem Werk, wenigen schmalen Bänden Lyrik und Prosa, nicht geglückt, obwohl er sich doch zwischen 1914 und 1918 einen gewissen literarischen Ruf erarbeitet hatte. Allenfalls seine in Berlin spielende Novelle "Kokain" bildet hier eine Ausnahme, doch hat sie nie den Kultstatus erreicht wie wenig später der gleichnamige Roman des Italieners Pitigrilli.

Mit sieben Zeichnungen von Felixmüller illustriert, war Rheiners Erzählung 1918 in einem kleinen Dresdner Verlag erschienen. Da hatte er selbst schon vier Jahre mit der Droge hinter sich. Sterben sollte er aber an einer Überdosis Morphium, am 12. Juni 1925 in einer erbärmlichen Absteige in der Kantstraße, nahe der S-Bahnbrücke. Wahrscheinlich kein Unfall, erst neun Tage vorher hatte er seiner Mutter geschrieben, er sei "fest entschlossen, entweder bis zum 15. VI. Stellung zu finden, die mich ernährt, oder mir selbst die gute Ruhe des Todes zu geben". So hat er wohl nur an sich selbst vollzogen, worin schon Tobias, der verzweifelt zum Revolver greifende Süchtige in "Kokain", den letzten Ausweg gesehen hatte.

Walter Rheiner - ein Künstlername, eigentlich hieß er Schnorrenberg - wurde am 18. März 1895 in Köln geboren, hatte dort eine Lehre in einer Bank begonnen, die 1912 bankrott ging. Es folgten zwei Jahre in Lüttich, Paris, wieder Köln, dann London, ein unstetes Leben mit wechselnden Anstellungen, das ihn im Sommer 1914 erstmals nach Berlin trieb. Rasch gewann hier Rheiner Zugang zur literarischen Boheme, die sich im Café des Westens am Kurfürstendamm, Ecke Joachimstaler Straße, dem sogenannten "Café Größenwahn", versammelte. Engen Kontakt hatte Rheiner zu Johannes R. Becher, später DDR-Kulturminister und -Hymnentexter, damals expressionistischer Jungdichter und Mittelpunkt eines Kreises pazifistischer Literaten, die sich durch Narkotika dem Kriegsdienst zu entziehen suchten.

Im Falle Rheiners ohne Erfolg: Im Dezember 1914 wurde er eingezogen, wurde an die russische Front abkommandiert, im Körper die Sucht nach Kokain. Bereits 1916 wurde er zu einer Entziehungskur nach Köln beordert, kam danach zurück an die Front, wo er im Winter 1917 verhaftet wurde. In der Kundenliste einer Berliner Morphiumdealerin hatte man auch seinen Namen entdeckt. Angeklagt wegen "Dienstverweigerung durch selbst verursachte Unfähigkeit zum Dienst" kam er im Garnisonsgefängnis Küstrin in Untersuchungshaft. In der Verhandlung verteidigte er sich selbst, kam tatsächlich frei und wurde aus dem Dienst entlassen. Rheiner ging zurück nach Berlin, der Stadt, die ihn seit seinem ersten Besuch nicht mehr losließ, ihn ebenso faszinierte wie abstieß

Berlin-Gebirge! Deine Häuser-Schluchten

zerklüften irres Anlitz arm verweint.

Es hangen trostlos schwarze Dächer-Buchten

ob wüster See, die kaltes Licht bescheint.

Mittlerweile mit der leidenschaftlich geliebten Amalie Friederike Olle verheiratet und bald Vater zweier Kinder, verfiel er hier endgültig dem Leben der Boheme, ein hochsensibler, immer haltloser dahintreibender Dichter ohne nennenswerte Einkünfte, zumal er 1919 von Kokain auf Morphium umstieg. Das Leid seines traurigen "Kokain"Helden Tobias hat Rheiner selbst bis zur Neige ausgekostet. Wie weit war diese Tristesse doch von der Euphorie entfernt, mit der Kokain von so manchen Literaten jener Zeit als vermeintliche Erweiterung des Seins begrüßt worden war

Hatte er nicht eben deutlich das Wort vernommen, das fatale Wort, das riesenhaft über die Firmamente dieser seiner Nacht gespannt war und (im Klang schon erbarmungslose Maschine) ihn langsam zerhackte: - Kokain! ... Ko-ka-in!

Die materielle Not, aus der Rheiner immer wieder für kurze Zeit in den Drogenrausch zu entfliehen suchte, war so groß, dass er und seine Frau im Winter auf Mäntel verzichten mussten. Nach einem vergeblichen Versuch, in Dresden als Redakteur einer Kunstzeitschrift Fuß zu fassen, zerfiel die Ehe, Rheiners Leben wurde immer unsteter, ein langsamenes Dahinsiechen mit vorübergehender Entmündigung und Einweisung in eine geschlossene Anstalt in Bonn. Im April 1925 entlassen, kehrte er nach Berlin zurück, wenige Wochen später ist er tot.

In einer limitierten Auflage von gerade mal 300 Büchlein war seine Novelle "Kokain" 1918 im "Dresdner Verlag von 1917" erschienen. Ein Nichts gegenüber den 39 000 Exemplaren, die der Berliner Eden-Verlag 1927 von dem Roman "Kokain" der italienischen Schriftstellers und Journalisten Pitigrilli auf den Markt geworfen hatte. Wieder ein Dichter mit Pseudonym - an sich hieß der Autor des erstmals 1922 in Mailand veröffentlichten Romans Dino Serge. Und wieder eine Kokainkarriere, garniert mit sexuellen Abenteuern des auch hier dem Tode entgegen taumelnden Romanhelden, nur dass er diesmal durch eine bewusst geschluckte Kultur Thyphusbazillen eintritt.

In den wilden Zwanzigern fand an derartigen Sujets niemand etwas auszusetzen, was sich 1933 schlagartig änderte: Die Oberprüfstelle für Schmutz- und Schundschriften setzte Pitigrillis "Kokain" auf den Index, Beginn einer 55 Jahre währenden Geschichte aus moralischer Stigmatisierung und juristischer Repression. Der Eden-Verlag hatte mit seinem Programm die NS-Zeit überlebt, "Kokain" fand noch immer Leser, so auch einen Aschaffenburger Richter, der das Werk in einem Prozess gegen einen Buchhändler 1954 für unzüchtig erklärte. Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften übernahm das kurzerhand und setzte ihrerseits "Kokain" auf den Index. Die dagegen gerichtete Klage des Eden-Verlages wurde 1955 in Köln rechtskräftig abgewiesen, das Verwaltungsgericht nahm unter anderem Bezug auf die Indizierung von 1933. Das Buch sei geeignet, die Phantasie junger Menschen "in ungesunder Weise sexuell zu erregen", wenngleich mit einer Verführung zum Kokain-Genuss nur in Ausnahmefällen zu rechnen sei. In Berlin musste sich der Verlag gleichzeitig vor Gericht verantworten, da er trotz Indizierung für dieses und andere Pitigrilli-Werke in Anzeigen geworben hatte. In den folgenden Jahrzehnten geriet "Kokain" immer mal wieder ins Visier der Bundesprüfstelle, zuletzt 1988 der Rowohlt-Verlag unter seinem damaligen Leiter Michael Naumann, der den Roman als Taschenbuch herausgebracht hatte. Die Indizierung von 1933 spielte da noch immer eine gewisse Rolle, schließlich aber, im Oktober 1988, wurde die Klassifizierung als jugendgefährdend endgültig aufgehoben.

Einer wie Rainer Werner Fassbinder hat darüber wohl ohnehin nur gelacht. Auf Anregung von Horst Wendlandt, Chef der Berliner Tobis-Film, hatte er 1980, nach "Lili Marleen", das Drehbuch zu einer "Kokain"-Verfilmung geschrieben. Es werde, so erzählte Fassbinder, "ein Film, der etwas von der Droge erzählen soll, von ihrer Wirkung, und von einer Person, die sich frei für oder gegen die Droge entscheiden kann, mit dem klaren Bewusstsein, dass eine Entscheidung für die Droge das Leben verkürzt, aber auch intensiviert." Es kam sogar, erinnert sich Wendlandt, zur Besichtigung möglicher Drehorte in Brasilien und Marrakesch, aber Fassbinder wollte dann an dem viel zu langen Drehbuch doch nichts streichen, schlug stattdessen "Lola" vor, und das "Kokain"-Skript blieb liegen. Zwei Jahre später war Fassbinder bereits tot. In seinem Beitrag zu dem Episodenfilm "Deutschland im Herbst" hatte er den eigenen Kokaingebrauch öffentlich gemacht. Als er am Juni 1982 starb, fand man in seinem Blut neben Barbituraten auch Kokain.

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