Kolumne "Meine Heimat" : Blätter am Baum

Unsere Kolumnistin Hatice Akyün begrüßt neu eingebürgerte Deutsche in Berlin. Dabei freut sie sich nicht nur über neue Vielfalt in der Hauptstadt, sondern wundert sich auch über Einbürgerungsurkunden und die oft unfreiwillige Komik der Behörden.

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Eine Einbürgerungsurkunde.
Deutscher wird man mit dem Erhalt der Einbürgerungsurkunde.Foto: dpa

Und sie bewegt sich doch, unsere kleine Hauptstadt. Langsam, fast unmerklich und dennoch unaufhörlich. Am Wochenende war ich zur ersten zentralen Einbürgerungsfeier der Stadt, oder präziser gesagt des Bundeslandes Berlin, eingeladen. Knapp 6400 Berlinerinnen und Berliner haben letztes Jahr ihr Anrecht in die Tat umgesetzt und sind deutsche Staatsbürger geworden. Herzlich willkommen im Klub! Neben den formalen Voraussetzungen, die sie erfüllen, wollen sie verbriefte Deutsche sein. Das wurden sie nun mit dem Erhalt der Einbürgerungsurkunde.

Als Bewunderer der Präzision der deutschen Sprache habe ich mich aber schon gefragt, warum man dieses Schriftstück so nennt. Bürger waren sie doch vorher auch schon. Spracherwerb, Straflosigkeit, Integration in den Arbeitsmarkt und langjähriger Aufenthalt machte sie längst zu erfolgreichen Bürgern. Nur der fehlende deutsche Pass unterschied sie von uns.

Aufgabe der Identität?

Während sich 50 ausgewählte Passträger im Festsaal des Abgeordnetenhauses aufgeregt gegenseitig fotografierten, erinnerte ich mich an meine eigene Einbürgerung in Duisburg. Sie ist zwar schon zwei Jahrzehnte her, aber bis heute ist sie mir präzise in Erinnerung geblieben. „Wie kannst du so herzlos sein und deine Identität aufgeben?“, hatte mein Vater damals noch geschimpft. Einige Jahre später saßen wir mit dem Rest der Familie wieder im Rathaus und holten für sie die Urkunden ab. Ab nun waren die Akyüns Türken mit deutschen Pässen. So nannte man eingebürgerte Ausländer damals noch.

Hatice Akyün ist in Anatolien geboren, in Duisburg aufgewachsen und in Berlin zu Hause. Im Tagesspiegel schreibt sie einmal pro Woche über ihre Heimat.
Hatice Akyün ist in Anatolien geboren, in Duisburg aufgewachsen und in Berlin zu Hause. Im Tagesspiegel schreibt sie einmal pro...Foto: Promo

Mit meiner Einbürgerungsurkunde bekam ich auch ein Geschenk von der Stadt Duisburg überreicht, eine Stadtrundfahrt. Sie schenkten also einem Mädchen aus dem Ruhrpott, das in Duisburg-Marxloh aufgewachsen war und das sein ganzes Leben in dieser rußgeschwärzten Stahlstadt verbracht hatte, eine Stadtrundfahrt für das einzige Fleckchen Erde, auf dem es jede Straßenlaterne mit Vornamen kannte. Deutsche können manchmal so ungewollt komisch sein, dass es einen anrührt.

Hatice Akyün liest aus ihren Kolumnen
Tagesspiegel-Kolumnistin Hatice Akyün zu Gast im Tagesspiegel-Salon.Weitere Bilder anzeigen
1 von 11Foto: Kai-Uwe Heinrich
01.02.2013 13:58Tagesspiegel-Kolumnistin Hatice Akyün zu Gast im Tagesspiegel-Salon.

Die Nationalhymne vor sich hingrummeln

Gerührt war ich übrigens auf der Feier im Abgeordnetenhaus auch, als ich in die Runde blickte. Emmanuel, Sohn von Griechen, in Deutschland geboren, griechisch-orthodoxer Priester; Carlos aus Ecuador; David aus den USA, jetzt Uni-Dozent in Berlin; Liliya, als Studentin aus Bulgarien gekommen, heute Juristin. Quer über den Globus verteilt liegen die Wurzeln der neuen Deutschen. Was kann uns also Besseres passieren, als mit ihren Blickwinkeln von außen unsere Innensicht zu ergänzen?

Und während wir nach kurzen Reden und launiger Musik an Tischen mit Blumengestecken und Deutschlandfahnen die dritte Strophe unserer Nationalhymne vor uns hingrummelten, dachte ich, dass nicht die Nationalität den Menschen ausmacht, sondern die Menschen der Nation Inhalt geben. Wenn wir das doch nur als Stärke unserer Stadt annehmen und leben würden, dann wären wir ein gutes Stück weiter als ganze Gesellschaft.

Oder wie mein Vater sagen würde: „Agac dallariyla gürdür.“ Ein Baum ist mit seinen Blättern stark.

Hatice Akyün ist in Anatolien geboren, in Duisburg aufgewachsen und in Berlin zu Hause. An dieser Stelle schreibt sie immer montags über ihre Heimat.

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