Kolumne "Meine Heimat" : Freundlichkeit gibt es, nur nicht in Berlin

Berliner sind nicht gerade für ihr freundliches Miteinander berühmt. Unsere Kolumnistin Hatice Akyün, die selbst in der Stadt lebt, war eine Woche im deutschsprachigen Ausland unterwegs - und machte dort eine überraschende Erfahrung.

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Der Fernsehturm in Berlin allgegenwärtig, hier zu sehen vom Gleisdreieck. Foto: imago
Der Fernsehturm in Berlin allgegenwärtig, hier zu sehen vom Gleisdreieck.Foto: imago

Jedes Jahr muss ich zwei Zeitperioden überbrücken, in denen ich grundsätzlich falsch angezogen bin. Morgens ist es noch ziemlich frisch, aber ich vertraue auf das schöne Wetter, und so fröstele ich mich durch den Vormittag. Springt das Thermometer jedoch an, habe ich garantiert Pullover und Jacke dabei, so dass ich den ganzen Tag nicht weiß, wohin damit. Ich glaube fest, dass es uns Berlinern im alltäglichen Umgang mit unseren Mitmenschen genau so ergeht. Mir ist aufgefallen, dass bei Wetterwechsel in den Jahrzeiten die Benimmformen auch unpassend sind. Anstieg oder Abfall von Hormonen, wetterbedingter Stressabbau unserer Psyche, vieles kommt hierfür infrage. Ich setze noch einen drauf: Mein südländisches Blut wird in Berlin auch bei sommerlichen Temperaturen regelmäßig schockgefrostet.

Am Wochenende war ich im deutschsprachigen Ausland unterwegs. Hier wurde meine Berliner Kommunikationsarmut hinter herabgelassenen Wahrnehmungsjalousien jäh erweckt. Überall grüßten sich wildfremde Menschen, suchten freundlichen Blickkontakt, waren aufmerksam und nahmen einem die unausgesprochenen Bedürfnisse ab. Puh, diese Dauerhöflichkeit war ganz schön anstrengend. Aber darauf nahmen diese freundlichen Menschen einfach keine Rücksicht und hackten fröhlich meine Berliner Firewall.

Rempeln und Dauerparken auf Fußzehen

Genervt sein; stoisch schweigen, um dann loszubrüllen; für die Worte „Bitte“ und „Danke“ einen Eintrag in die Gutmenschenfahndungsdatei riskieren; eine Körpersprache, die jeden Entfesselungskünstler verzweifeln lässt und eine nonverbale Kommunikation, die sich auf Rempeln und Dauerparken auf meinen Fußzehen beschränkt, ist das, woran ich mich in Berlin gewöhnt habe. Der Trick ist, möglichst mit unsichtbarer Teilnahmslosigkeit zu versuchen, den Tag hinter sich zu bringen. Und niemals versuchen, zu deeskalieren. Dann wird es noch schlimmer.

Ein gutes Beispiel hierfür ist der Berliner Taxifahrer, der trotz satellitengestützter Navigation mit mir eine Stadtrundfahrt macht, um den Fahrpreis hochzutreiben. Wenn er dann beim Trinkgeld fast leer ausgeht, sollte man so schnell wie möglich das Weite suchen. Bei Frau „Wat?“, der Verkäuferin in der Bäckerei, die nur dieses Wort im Repertoire zu haben scheint, habe ich ebenfalls auf einsilbiges Dialogverhalten umgestellt. Und mit meinen wortlosen, aber ausdrucksstarken Handbewegungen könnte ich an jeder Kreuzung in Rom den Verkehr regeln.

Am besten als Touristin verkleiden

Ob mir das in Berlin wohl jemand glaubt, dass ich in der Stadt mit den freundlichen Menschen in einer Käserei allen Mut zusammengenommen habe, um zu fragen, was denn das für eine Spezialität sei? Ich konnte es kaum fassen, aber die Verkäuferin erklärte mir wie im Werbespot, aus welcher Region der Käse sei und womit man ihn am besten essen könne. Sie gab mir freundlich ein Stück zum Probieren, und als ich ängstlich hinter mich blickte, um zu schauen, ob die Warteschlange schon verärgert darauf wartete, dass mir der Käse im Halse stecken bleibt, sah ich in lächelnde Gesichter.

Das war wirklich kein Traum. Das war nur nicht Berlin.

Vielleicht genoss ich ja auch nur einen besonderen Schutz, weil ich zweifellos als Touristin zu erkennen war. Aber trotzdem komme ich nun als freundlicher, rücksichtsvoller und hilfsbereiter Mitmensch in den Kalten Krieg des Hauptstadtalltags zurück. Ich werde in Berlin fortan einen Stadtplan in der Hand halten und mir meine Kamera umhängen. Dann kann ich freundlich bleiben. Soll ja keiner von außen wissen, wie wir leider geworden sind. Oder wie mein Vater sagen würde: „Güler yüzlü eksi saticisi, eksi yüzlü bal saticisindan fazla kazanir.“ Ein lachender Essigverkäufer macht bessere Geschäfte als ein griesgrämiger Honigverkäufer.

Hatice Akyün ist in Anatolien geboren, in Duisburg aufgewachsen und in Berlin zu Hause. An dieser Stelle schreibt sie immer montags über ihre Heimat.

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