Konzept für Berlin : Magistralen und Mietskasernen: 150 Jahre Bebauungsplan

02.08.2012 14:53 Uhrvon
Fenster zum Hof. Planer James Hobrecht wollte Licht und Luft für Berlins Bevölkerung. Am Ende war Löschgerät das Maß der Dinge. Foto: Mike Wolf
Fenster zum Hof. Planer James Hobrecht wollte Licht und Luft für Berlins Bevölkerung. Am Ende war Löschgerät das Maß der Dinge. - Foto: Mike Wolf

Am 2. August 1862 trat der „Bebauungsplan von den Umgebungen Berlins“ in Kraft. Bis heute prägt er zwar das Gesicht der Stadt. Doch die reformerischen Ideen des Konzepts scheiterten damals an den wirtschaftlichen Realitäten.

Im Sommer 1862 geriet der Feldwächter von Alt-Schöneberg mit Landvermessern aneinander, die auf den Äckern Grenzsteine setzten, ohne Rücksicht auf das im Korn stehende Getreide. Die wütenden Bauern ahnten nicht, dass sie einer großen Idee im Weg standen. Die stürmisch wachsende Industriemetropole Berlin, die aus allen Nähten platzte, wurde neu vermessen, um auf Befehl des preußischen Königs Wilhelm I. einen Bebauungsplan  für eine Millionenstadt aufzustellen. Große Teile von Charlottenburg, Schöneberg, Rixdorf, Treptow und Lichtenberg wurden gleich mit verplant, ohne die betroffenen Gemeinden vorher zu fragen. Aber die Planungskosten mussten sie später mitbezahlen.

Der junge Ingenieur James Hobrecht, der die Planungskommission leitete, konnte dafür nichts. Er arbeitete im Auftrag des königlichen Polizeipräsidiums, das für die Stadtplanung traditionell zuständig war. Besonders erstaunlich aus heutiger Sicht: Der „Bebauungsplan von den Umgebungen Berlins“ brauchte nur drei Jahre Vorarbeit, um am 2. August 1862 in Kraft zu treten: Durch „Allerhöchste Cabinets Ordre“, vor 150 Jahren. Immer noch prägt der Hobrecht-Plan, der ein Areal von 7000 Hektar umfasste (so groß wie das Stadtgebiet innerhalb des S-Bahnrings), das Gesicht Berlins.

Hobrecht entwarf ein kühnes Konzept. Mit Magistralen, die sternförmig zum historischen Stadtzentrum führten und durch ringförmig angelegte Straßen miteinander verbunden wurden, kam er auch den Wünschen des Königs entgegen, der Paris vor Augen hatte – mit prächtigen Boulevards und Plätzen. Alte Chausseen, die vom zunehmend besiedelten Umland in die Stadt hineinführten, wurden einbezogen. Etwa die Potsdamer Straße, die Schönhauser Allee oder die Müllerstraße. Der Kurfürstendamm begrenzte das Charlottenburger Siedlungsgebiet nach Süden, doch im Bebauungsplan spielte der sandige Feldweg entlang von Äckern, Spargelfeldern und Windmühlen nur eine Nebenrolle.

Das historische Kreuzberg. Eine Bildergalerie:

Das neue Plangebiet wurde in 14 Abteilungen gegliedert und das Straßennetz bildete ein Raster für große Karrees, mit einer Seitenlänge bis zu 300 Metern. Das war der Ausgangspunkt für die typische Berliner Blockbebauung und viele neue Stadtquartiere. Wer heute rund um den Boxhagener Platz spazieren geht, mit seiner dichten, verwinkelten Bebauung und der Mischung aus Wohnen, Park und kleinem Gewerbe, der blickt tief in die Planungsgeschichte Berlins.

James Hobrecht war ein Idealist, der den sozialen Ausgleich und die Volksgesundheit fördern wollte. Ihm schwebte vor, „dass die Gesellschaftsklassen durcheinander wohnen“. Er wollte eine Mischung der Milieus. Im Vorderhaus Handel und Gastronomie, darüber Hausbesitzer und Verwalter, darüber Beamte und Angestellte. In den Hinterhäusern sollten Arbeiter und Rentner billig wohnen und in den Betrieben arbeiten, die mitten in den Siedlungsblöcken eingeplant wurden. Dazwischen genügend Platz für Grünanlagen und Gärten, Promenaden und Spielplätze für die Kinder.

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