Konzert in Berlin-Weißensee : Bruce Springsteen: Born in the DDR

1988 spielte Bruce Springsteen in Ost-Berlin. Und trug damit, so legt es zumindest ein Buch nahe, ein kleines bisschen zum Fall der Mauer bei.

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Von der FDJ eingeladen. Bruce Springsteen in Weißensee.
Von der FDJ eingeladen. Bruce Springsteen in Weißensee.Foto: AFP

Bruce Springsteen war sauer. Gerade eben hatte er die die Grenzanlagen am Checkpoint Charlie passiert und sich im Grand Hotel an der Friedrichstraße einquartiert. Da erfuhr er, wie die Veranstalter von der DDR-Jugendorganisation FDJ sein Konzert angepriesen hatten, das am nächsten Tag stattfinden sollte: Als Solidaritätsveranstaltung für Nicaragua, jenes damals von den Sandinisten regierte Land, die viele in den USA als Kommunisten verteufelten.

Nein, so wollte sich der Gast aus den Vereinigten Staaten bei seinem ersten und einzigen Auftritt in Ost-Berlin nicht instrumentalisieren lassen. Also trat er am nächsten Abend, dem 19. Juli 1988, mit einem Zettel auf die Bühne des Open-Air-Geländes Weißensee, auf dem die Stichworte einer kleinen Ansprache standen, die es in sich hatte.

Springsteens Worte sollten von der auf 300.000 bis 500.000 Menschen geschätzten Menge mit frenetischem Jubel aufgenommen werden. Und sie trugen, so sieht es zumindest der US-Journalist Erik Kirschbaum, dazu bei, das Ende der DDR zu beschleunigen: 16 Monate später fiel die Mauer. Jenes Konzert vor 25 Jahren war dabei ein wichtiger „Mosaikstein“, sagt Kirschbaum, New Yorker, Springsteen-Fan und seit 20 Jahren Korrespondent der Nachrichtenagentur Reuters in Berlin. Das ist zumindest das Ergebnis seiner Recherchen für das Buch „Bruce Springsteen – Rocking the Wall“, dessen deutsche Ausgabe er am Dienstag in einer Galerie in Mitte vorstellte.

Rund 50 Zeitzeugen hat der 52-Jährige dafür interviewt, 80 Seiten Stasi-Berichte zu Springsteens Besuch und seiner Musik („harte, ungeschönte Songs über die Schattenseiten der amerikanischen Wirklichkeit“) und zahlreiche Artikel aus jener Zeit aufgearbeitet. Herausgekommen ist ein nicht nur für Springsteen- Fans lesenswertes Büchlein, das unterhaltsam in die deutsch-deutsche sowie die Pop-Geschichte entführt. Und das West-Lesern die Bedeutung eines Abends vor Augen führt, der zumindest aus Sicht vieler Beteiligter Geschichte schrieb.

Und das nicht nur wegen der Superlative, die den vierstündigen Auftritt des Musikers umgeben, der wenige Jahre zuvor mit „Born in the U.S.A.“ zum Weltstar geworden war: So war es das größte Konzert, das die DDR je erlebt hatte – und zugleich die größte freiwillige Versammlung ihrer Bürger bis zum Herbst 1989. Vor allem aber war es, so sehen es zumindest zahlreiche für das Buch befragte Zeitzeugen und auch Kirschbaum selbst, eine Feier der Lebenslust und der Freiheit, die das Ende der DDR mit einläuten half. Und das lag, so lässt es sich jetzt im Detail nachlesen, neben der kraftvollen Musik Springsteens auch an jener kurzen Ansprache, die er an jenem Abend hielt.

Konzert der Superlative. Bis zu 500 000 Menschen sollen am 19. Juli 1988 im Publikum gewesen sein.
Konzert der Superlative. Bis zu 500 000 Menschen sollen am 19. Juli 1988 im Publikum gewesen sein.Foto: picture-alliance / dpa

„Es ist schön, in Ost-Berlin zu sein“, rief er den Menschen auf Deutsch zu. Die richtige Aussprache hatte ihm zuvor sein deutscher Chauffeur auf dem Spickzettel vermerkt, ähnlich wie 25 Jahre davor bei Kennedy. „Ich bin nicht für oder gegen eine Regierung“, sagte Springsteen weiter. „Ich bin gekommen, um Rock ’n’ Roll für euch zu spielen in der Hoffnung, dass eines Tages alle Barrieren abgerissen werden.“ Darauf brachen die Hunderttausende vor ihm in frenetischen Jubel aus. „Es war die vielleicht kürzeste, mit Sicherheit aber die unterschätzteste Anti- Mauer-Rede, die je gehalten wurde“, schreibt Kirschbaum. Und das, obwohl das Reizwort „Mauer“ gar nicht vorkam – davon hatten ihm seine Begleiter abgeraten, um die Gastgeber nicht zu sehr zu provozieren. Aber die Menschen hatten verstanden. „Jeder wusste genau, worüber er sprach , dass man die Mauer einreißen müsse“, erinnert sich der damals 34-jährige Landwirt Jörg Beneke in dem Buch. „Das war ein weiterer Nagel im Sarg der DDR.“ Dass man das auch anders sehen kann, machte am Dienstag Cherno Jobatey deutlich. Der Fernsehmoderator, der damals als gerade mal 20-jähriger Tagesspiegel-Mitarbeiter unter dem Titel „Born in the DDR“ über das Springsteen-Konzert berichtete, präsentierte Kirschbaums Buch – und fungierte ein wenig als historisches Korrektiv. Er habe damals den Eindruck gehabt, dass den Menschen im Publikum freie Liebe doch noch ein bisschen wichtiger als freie Wahlen gewesen seien: „Bei dem Konzert ging es mehr darum, sich gegenseitig abzuschleppen, als die Mauer einzureißen.“

Konzert-Chronist: Erik Kirschbaum.
Konzert-Chronist: Erik Kirschbaum.Foto: Lars von Törne

Kirschbaum selbst bedauert bis heute, bei diesem Konzert seines Stars nicht dabei gewesen zu sein, auch wenn er ihn bei zehn anderen Gelegenheiten live gesehen hat. Aber an jenem Abend vor 25 Jahren war er in New York. Aus heutiger Sicht fasziniert ihn vor allem die Diskrepanz zwischen Absicht und Wirkung dieses von der DDR-Führung organisierten Konzerts, wie er es aus der Rückschau sieht: „Die wollten ihren Menschen etwas bieten, um sie zu besänftigen und die Zahl der Ausreiseanträge zu reduzieren – stattdessen haben die Menschen durch das Konzert noch mehr Hunger bekommen.“

Erik Kirschbaum: Bruce Springsteen – Rocking the Wall. Ost-Berlin 1988 – das legendäre Konzert. Berlinica, 136 Seiten, 12 Euro

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