Krankenstand bei den Mitarbeitern in Berlin : Jobcenter machen krank

In Charlottenburg und Neukölln fehlen die Mitarbeiter neun Wochen im Schnitt, denn viele Beschäftigte leiden an Burnout, das nicht wie ein Schnupfen nach ein paar Tagen wieder vorbei ist. 200 Stellen sind stadtweit gar nicht besetzt.

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Schwerstarbeit. Der Krankenstand in den meisten Jobcentern ist überdurchschnittlich hoch. Der DGB beklagt, dass es kein Gesundheitsmanagement gibt.
Schwerstarbeit. Der Krankenstand in den meisten Jobcentern ist überdurchschnittlich hoch. Der DGB beklagt, dass es kein...Foto: dpa

Der Job im Jobcenter scheint krank zu machen, jedenfalls wenn man im falschen Bezirk arbeit. Durchschnittlich fast neun Wochen im Jahr fehlt jeder Mitarbeiter in Charlottenburg-Wilmersdorf, der für die Kommune in der Behörde arbeitet. Laut einer Personalstatistik der Senatsfinanzverwaltung sind dort die rund 85 Beschäftigten 62,5 Tage im Jahr krank. Nicht viel anders sieht es in Neukölln aus: Hier sind die Mitarbeiter rund 62,2 Tage nicht arbeitsfähig. Nur halb so oft fallen die Beschäftigten in den Bezirken mit den niedrigsten Werten bei der Arbeit aus: In Treptow-Köpenick sind sie 30,5 Tage krank, in Tempelhof-Schöneberg 33,8 Tage, in Steglitz-Zehlendorf 34,4 Tage und in Pankow 34,7 Tage. In den übrigen Bezirken liegt die Zahl der Krankheitstage zwischen 40 und 50, so dass der Durchschnitt in allen zwölf Bezirken bei 44 Tagen liegt. Da der Senat die Kalendertage inklusive der Wochenenden erfasst, fehlt jeder kommunale Mitarbeiter damit mehr als sechs Wochen an seinem Arbeitsplatz. Im gesamten Berliner Öffentlichen Dienst gibt es durchschnittlich 37,6 Krankheitstage pro Beschäftigten

Der Krankenstand bei den Jobcenter-Mitarbeitern ist erschreckend hoch

Nur rund ein Fünftel der derzeit 6800 Berliner Jobcenter-Mitarbeiter kommt aus den Bezirken, die überwiegende Mehrzahl der Beschäftigten der gemeinsamen Behörde kommt von der Bundesagentur für Arbeit. Bei ihnen ist der Krankenstand bedeutend niedriger. Die 5400 Agentur-Mitarbeiter fehlen durchschnittlich knapp drei Wochen im Jahr wegen gesundheitlicher Einschränkungen.

Die Vorsitzende vom DGB Berlin-Brandenburg, Doro Zinke, spricht von einer „dramatischen Entwicklung“, die eine Folge der Sparpolitik des Senats sei. Es könne nicht sein, dass es in den Bezirken keine Personalentwicklung und kein Gesundheitsmanagement gebe, sagte Zinke. Zudem kritisierte sie, dass zudem 200 bezirkliche Stellen nicht besetzt seien. Der Personalmangel und die daraus resultierenden Arbeitsbedingungen führten dazu, dass immer mehr Beschäftigte gesundheitliche Probleme wie Burnout bekämen. Bei den Jobcentern sind die Bezirke zuständig für die Kosten der Unterkunft zuständig sowie für sozial-integrative Leistungen wie Schuldnerberatung, psychosoziale Betreuung und die Suchtberatung. Die Arbeitsagentur übernimmt die Zahlung des Arbeitslosengeldes II und die Eingliederung in den Arbeitsmarkt.

Die Lücken in den Jobcentern können kaum geschlossen werden

Der Sprecher der Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit, Olaf Möller, bestätigte die Zahlen. „Es bereitet Mühe, diese Lücken tagtäglich zu schließen“, sagte Möller. Man sei mit der Kommune im Gespräch, Lösungen zu finden. Auch Mathias Gille, der Sprecher von Arbeitssenatorin Dilek Kolat, verweist darauf, dass diese Thema auch immer wieder in den Trägerversammlungen der Jobcenter angesprochen werde. Erst vor wenigen Monaten hatte ein Gutachten für den Senat der Arbeit der Kommune in den Jobcentern ein schlechtes Zeugnis ausgestellt.

Nach Angaben von Verwaltungsexpterten sind die Krankenstände auf kommunaler Seite ausgesprochen besorgniserregend und einzigartig. „Wenn Mitarbeiter so häufig und lange krank sind, dann scheint auch der Dienstherr seine Fürsorgepflicht nicht wahrzunehmen“, sagt ein Experte. Außerdem habe man den Eindruck, dass die Bezirke eher schwächere Mitarbeiter in die Jobcenter schickten: „Da sind meistens nicht die Leistungsträger dabei.“ Zinke wies darauf hin, dass diese Entwicklung Folgen für die Arbeitslosen habe. „Ausbaden müssen dies die Ärmsten der Armen“, sagte die DGB-Vorsitzende bei einer Pressekonferenz des Arbeitslosenzentrums Balz.

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