Krempel "zu verschenken" : Behaltet euren Scheiß!

Karton raus, Schild dran: zu verschenken. Die Straßen sind voll von Kram, den niemand braucht. Tragt das Zeug zum Trödel. Ein wütender Appell.

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Wo etwas "zu verschenken" ist, was keiner will, sammelt sich schnell Müll aller Art.
Wo etwas "zu verschenken" ist, was keiner will, sammelt sich schnell Müll aller Art.Foto: picture alliance / Gregor Fische

Da lag sie dann. Vor unserer Haustür, bisschen zusammengedrückt schon, eng an einen Zaun geschmiegt. Eine Pappbox, darin ein schmutzigweißes DIN -A4- Blatt, auf dem in neongrünen Buchstaben stand: zu verschenken. Sie lag dort in Sonnenschein und Regen, ihr Inhalt wurde abwechselnd nass und trocknete wieder: ein Stück Stoff, das wohl eine Bluse war, und ein paar CDs.

Sie liegen überall, in Treppenhäusern und Hofeinfahrten, vor Eingangstüren oder einfach so mitten auf dem Bürgersteig. Kartons, die mittels angehefteter Schilder großzügig verkünden, ihr Inhalt sei „zu verschenken“. Wer wollte, der könnte sich während eines Spaziergangs einkleiden – hier ein Pulli, dort ein Schuh – oder Lektüre finden. Besonders häufig liegt Douglas Adams’ „Per Anhalter durch die Galaxis“ auf Neuköllner Straßen. Oder studentische Fachliteratur, oft aus der Soziologie. Neuerdings vergeht kein Spaziergang durch die Nachbarschaft, ohne dass eben diese mir „Geschenke“ vor die Füße wirft. Die ich nicht will. Die niemand will, denn sonst lägen sie nicht ewig dort. Leute, ehrlich, behaltet euren Scheiß!

Wer auf Spenden angewiesen ist, dem hilft kein einzelner Schuh

Wer wirklich Gutes tun will, macht das anders. Der wirft nicht Kaputtes, Schmutziges und Angenagtes auf die Straße, das er selbst nicht mehr brauchen kann – und auch sonst kein Mensch. Es hat Gründe, dass karitative Organisationen für die Kleiderspende dazu aufrufen, saubere Klamotten abzugeben. Und intakte. Schuhe nur paarweise, ohne Löcher.

Weil dem, der angewiesen ist auf Spenden und Geschenke, ein zerrissener Strumpf nichts bringt, kein angeschimmeltes Buch und kein einzelner Turnschuh. Verrottetes zu verschenken, ist respektlos, nicht wohltätig. Es ständig auch all jenen feilzubieten, die gar nicht danach verlangen, nervt.

Natürlich, jeder stößt beim Aufräumen auf Dinge, für die er keine Verwendung mehr hat, die er dennoch für zu gut befindet, um sie einfach in die Mülltonne zu werfen. Wohin damit? Die „Methoden der empirischen Sozialforschung“, teuer erworben, zutiefst verhasst – einfach wegwerfen? Vielleicht könnte ja noch jemand ... Nein! Könnte niemand! Verschenk den Krempel über Kleinanzeigen. Oder im Freundeskreis. Stell dich auf den Flohmarkt. Aber müll mir nicht das Treppenhaus zu.

In den Kisten sammeln sich benutzte Taschentücher und Kaffeebecher an

Zumal der weitere Weg der Pappkisten vorgezeichnet ist. Sie enden als provisorische Mülleimer, in denen sich zwischen den „Geschenken“ schnell benutzte Taschentücher und Coffee-to-go-Becher ansammeln. Oder sie vermodern zu surrealistischen Skulpturen, „verfilzte Wollsocke, verschmolzen mit Pappe, Kreuzberg 2017“.

Die Verursacher des Ganzen vermute ich nur selten in der Nähe. Wahrscheinlich sind sie längst ausgezogen oder haben die Kiste einen halben Kilometer von der eigenen Wohnungstür entfernt platziert. Es ist jedenfalls anzunehmen, dass sie sich nicht weiter dafür interessieren, ob die von ihnen Beschenkten nun glücklicher, belesener oder wenigstens wärmer gewandet durchs Leben gehen. Kiste voll oder Kiste leer? Ist doch wurscht. Hauptsache, der Kram ist weg.

Zugegeben: Noch nie habe ich einen der großzügigen Spender getroffen und fragen können, wieso er sein Zeug im Hausflur ablegt, statt es um die Ecke zum Kleidercontainer zu tragen, zum Trödelladen eine Straße weiter, zur Arbeiterwohlfahrt, zur Stadtmission, zur Flüchtlingshilfe. All diese Möglichkeiten könnte ich nennen. Aber die Schenker operieren im Geheimen, was wiederum den Verdacht nahelegt, dass sie um den schlimmen Zustand vieler ihrer Gegenstände wissen. Ahnen, dass die einzige Möglichkeit, diesen Sondermüll umstandslos loszuwerden, ist, ihn den Nachbarn zu überlassen.

Die fleckige Matratze als Zeichen der Nächstenliebe?

Die Krönung der Selbstlosigkeit fand ich am vergangenen Wochenende: eine Matratze für ein Doppelbett, mit Flecken in vielerlei Farben – und einem Zettel dran. Zu verschenken! Sperrmüll, getarnt als Nächstenliebe.

Kann sein, dass ich die Ironie nicht verstehe. Kann aber auch sein, dass die zunehmende Freigiebigkeit einfach das ganze Gegenteil von sozial ist.

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