Kreuzberg : Wut auf Nazis: Bürgermeister in Sorge - vor fünf Jahren

Vor fünf Jahren war nach dem rechtsextremen Brandanschlag auf ein linkes Geschäft in Kreuzberg die Empörung groß. Rund 300 Vermummten zogen vom Heinrichplatz über die Skalitzer Straße zum Ort des Anschlags. Was Johannes Radtke darüber schrieb.

von
Laut und hell.  Spontaner Protest am Mittwochabend gegen den Brandanschlag in der Manteuffelstraße. Am Ende nahm die Polizei 47 Personen vorübergehend fest.
Laut und hell. Spontaner Protest am Mittwochabend gegen den Brandanschlag in der Manteuffelstraße. Am Ende nahm die Polizei 47...Foto: Tsp

Nach dem rechtsextremen Brandanschlag auf ein linkes Geschäft in Kreuzberg ist die Empörung groß. Am Mittwochabend zog gegen 20 Uhr eine Spontandemonstration von rund 300 Vermummten vom Heinrichplatz über die Skalitzer Straße zum Ort des Anschlags. Sie zündeten Feuerwerk und skandierten Sprechchöre gegen Neonazis. Als die Polizei begann, die Menge auseinanderzutreiben, flogen Flaschen. Die Beamten setzten 47 Personen fest und nahmen ihre Personalien auf.

„Den ganzen Tag kamen Leute vorbei und haben Hilfe beim Wiederaufbau der Außenregale angeboten“, sagt Hans- Georg Lindenau, der das Szenegeschäft M99 in der Manteuffelstraße betreibt. Von den Aluminiumregalen ist kaum noch etwas übrig. Schwarze Brandflecken vor der Hauswand zeugen von dem Feuer, das die Unbekannten in der Nacht zu Mittwoch legten. Bis zum ersten Stock schlugen die Flammen. Um die Ecke schmierten vermutlich dieselben Täter Naziparolen auf ein linkes Geschäft, ebenso an mehreren Orten in Neukölln. „Mit verbrannten Waren, der Markise und den gesprungenen Fenstern sind es knapp 4000 Euro Sachschaden“, sagt Lindenau. Viele Kunden haben ihm angeboten, Geld zu spenden, aber das will er nicht. „Ich habe denen gesagt, die sollen das Geld lieber Initiativen geben, die es dringender brauchen.“ In den nächsten Wochen will er mit einer Handvoll Helfer die Regale vor dem Laden wieder aufbauen.

„Nazis in Kreuzberg – das hat uns schon sehr erschrocken“, sagt die Verkäuferin im türkischen Bäckerladen gegenüber. Sie kenne die Nachbarn vom M99 gut und verkaufe ihnen regelmäßig Brötchen. Auch in der Oranienstraße ist man wütend über die Aktion der Rechten. „Das trifft uns natürlich alle, wir sind hier im Kiez eine große Familie“, sagt David Strempel vom Punkrock-Plattengeschäft Coretex. „Unseren Laden hätte es genauso treffen können.“ Wenn es bestimmte T-Shirts im Coretex nicht gibt, schickt er regelmäßig Kunden in die Manteuffelstraße. „Das M99 hat unsere volle Unterstützung, die gehören dazu“, sagt der Geschäftsführer des Streetwear-Geschäfts Depot2 am Heinrichplatz. „Wir finden das unerträglich“, heißt es vom Kreuzberger Klub SO36. Das M99 sei einer der letzten Infoläden aus der Hausbesetzerzeit und habe mit anderen die linke Kulturszene im Bezirk geprägt, sagte Sprecherin Lilo Unger.

Unterstützung bekommt der „Gemischtwarenladen für Revolutionsbedarf“, wie es an der Hauswand steht, auch vom Bezirksbürgermeister von Friedrichshain-Kreuzberg. „Der Brandanschlag erfüllt mich mit großer Sorge“, sagte Franz Schulz (Grüne). Kreuzberg sei immer ein Ort gewesen, an dem sich potenzielle Opfergruppen von Neonazis vor rechter Gewalt sicher fühlen konnten. „Ich hoffe, dass die Polizei die Täter schnell ermitteln kann.“

Von den rechten Brandstiftern fehlt laut Polizei jede Spur. Auffällig ist, dass auf einer rechtsextremen Internetseite das M99 neben anderen alternativen Projekten aufgelistet ist und indirekt als Anschlagsziel genannt wird. Der Server der Website steht anonym im Ausland. In einem Online-Interview gab jedoch der Rechtsextremist Sebastian Schmidtke zu, dass er für die Webseite verantwortlich ist. Er war früher führendes Mitglied der „Kameradschaft Märkischer Heimatschutz“ und sitzt seit kurzem im Landesvorstand der Berliner NPD.

Der Beitrag erscheint in unserer Rubrik "Vor fünf Jahren"

17 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben