Kritik an Carsharing : Keine Parkplätze für Fußgänger!

Es hört sich toll an: Ein Mietauto soll zwischen vier und acht Privatwagen ersetzen. Darum stellen Berliner Bezirke den Carsharing-Anbietern Stellplätze exklusiv zur Verfügung. Unser Autor Stephan Wiehler fühlt sich als Autofahrer ungerecht behandelt – und bezweifelt, dass die geteilten Autos den gewünschten Effekt haben.

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Die Mietautos beanspruchen immer mehr Stellplätze im öffentlichen Straßenraum.
Die Mietautos beanspruchen immer mehr Stellplätze im öffentlichen Straßenraum.Foto: dpa

Es ist kein Durchkommen mehr. Immer mehr Radfahrer drängen auf die Straße, Lieferwagen stehen in zweiter Reihe, weil alle Welt jeden Kleinscheiß im Internet bestellt, und Parkplätze findet man schon gar nicht mehr. Und nun kommen auch noch die Fußgänger auf die Idee, Auto zu fahren. Carsharing verspricht, Mobilität in der Stadt flexibler, effizienter und umweltfreundlicher zu machen. Die Vision: Wenn sich mehr Menschen für das „Auto to go“ entscheiden, brauchen weniger ein eigenes Fahrzeug. Weniger Autos in der Stadt heißt weniger Parkplatzbedarf, mehr freie Fahrt und freie Straßenfläche fürs Spielen oder fürs Grün – das schont das Klima und den Geldbeutel.

Bevor wir jedoch alle mobiler werden und unser Planet durch das Carsharing gerettet wird, finden Autofahrer erst mal noch weniger freie Parkplätze. Denn die Autovermieter beanspruchen in Berlin immer mehr öffentlichen Parkraum. Zum Teil wird er ihnen von den Behörden eigens reserviert. Allein der Bezirk Pankow hat für stationäre Carsharing-Anbieter 105 Stellplätze an 51 Stationen eingerichtet, auf denen nur Mietautos abgestellt werden dürfen – und das im Prinzip gebührenfrei. Nur in Zonen mit Parkraumbewirtschaftung zahlen die Mietfahrzeugfirmen für die exklusiv ausgeschilderten Plätze einen jährlichen Beitrag, der den Einnahmen entspricht, die der Bezirk durchschnittlich mit Parkgebühren erzielen würde. Noch billiger kommen die Unternehmen des sogenannten Free-Floating-Carsharing davon, deren Autos auf jedem freien Parkplatz abgestellt werden können.

Das alles kann man als staatlichen Plan deuten, um Mobilität in Berlin langfristig zu verändern: Die Verknappung des allgemein verfügbaren Parkraums durch „Parkplätze erster Klasse“ für die Carsharer soll Autobesitzer zum Umsteigen anregen. Im besten Fall sollen sie das eigene Auto abschaffen.

Private Autobesitzer können sich keine Parkplätze reservieren lassen

Als Autobesitzer und Kraftfahrzeugsteuerzahler fühle ich mich ungerecht behandelt. Schließlich profitieren kommerzielle Mietwagenanbieter durch billige oder kostenlose Stellplätze von einer Quersubventionierung, während sich der nicht behinderte Autofahrer keinen Parkplatz reservieren lassen kann. Obwohl ja auch das umweltfreundlich wäre, weil dadurch das Herumkurven bei der Parkplatzsuche wegfallen würde.

Und: Fahren denn dank Carsharing tatsächlich weniger Leute Auto? Auf den ersten Blick hat es den Anschein: Die Zahl der Neuzulassungen von Pkw geht in Berlin seit Jahren zurück. Der „Bundesverband Carsharing“, die Lobby-Organisation der Anbieter von Mietautos am Straßenrand, behauptet: „Jedes Carsharing-Fahrzeug ersetzt zwischen vier und acht Privatwagen, die entweder nicht gekauft oder abgeschafft werden.“ Ende 2012 veröffentlichte der Verband eine Umfrage, derzufolge der Anteil der Neukunden von stationärem Carsharing, die zunächst noch ein eigenes Auto besaßen, nach sieben Monaten der Mietautonutzung von 43,4 auf 19 Prozent gesunken war. Fast die Hälfte hatte also das private Auto abgeschafft. Das heißt aber im Umkehrschluss: 56,6 Prozent der Carsharing-Neukunden sind zuvor nicht mit dem Auto gefahren, waren Fußgänger, Radfahrer, ÖPNV-Nutzer, die nun häufiger auf das bequeme Angebot des Mietautos am Straßenrand umsteigen.

Das Carsharing-Modell schafft also mehr neue Autofahrer, als alte von der Straße zu holen. Und auch der Umweltschutzaspekt ist überbewertet: Die inzwischen fast stadtweite Verfügbarkeit und der bequeme Einstieg ins Mietauto verführen eher dazu, mehr Kilometer mit dem Pkw zurückzulegen, als dies private Autobesitzer bisher taten. Und Bus und Bahn dafür links liegen zu lassen.

Das erklärt, warum Autohersteller im Carsharing einen neuen Absatzmarkt sehen. Staatliche Förderung braucht das „Auto to go“ nicht, anders als der öffentliche Nahverkehr. Außerdem fördert der Staat ja schon ein altbewährtes Carsharing-Geschäftsmodell: das Taxigewerbe. Dessen Halteplätze auf öffentlichem Straßenland stellt das Land übrigens ebenfalls entgeltfrei.

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