Kulturfestival "48 Stunden Neukölln" : Ein ganzes Wochenende Kunst in Neukölln

Künstler aus der ganzen Welt arbeiten in Neukölln und öffnen an diesem Wochenende die Türen ihrer Ateliers. Zum 15. Mal findet das Festival "48 Stunden Neukölln" statt. Ursula Moffitt und Zara Morris zeigen in der Ausstellung „Ja, ich wohne hier“ die versteckten Seiten des klischeebeladenen Bezirks.

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Ursula Moffitt (links im Bild) und Zara Morris porträtieren zehn junge Neuköllner. Das Projekt "Ja, ich wohne hier" entstand auf den Straßen Neuköllns - und im eigenen Wohnzimmer. Foto: Björn Kietzmann
Ursula Moffitt (li.) und Zara Morris porträtieren zehn junge Neuköllner. Das Projekt "Ja, ich wohne hier" entstand auf den Straßen...Foto: Björn Kietzmann

Mit einem freundlichen „Hallo, ich bin Ursula“ öffnet Ursula Moffitt die Wohnungstür im tiefsten Neukölln, U-Bahnhof Leinestraße, zwischen Aldi, türkischem Supermarkt, City-Casino und „Sultan’s Teehaus“. Erst als sie weiterspricht, klingt der amerikanische Akzent durch. Oft denken die Leute, sie sei Deutsche, sagt die 26-Jährige aus dem US-Bundesstaat New Mexico, die ihren deutschen Vornamen einer Romanfigur verdankt. So wird sie schon jedes Mal, wenn sie sich vorstellt, mit dem Thema konfrontiert, das sie künstlerisch beschäftigt. „Klar bin ich ein Teil der Gentrifizierung. Aber was genau heißt das eigentlich?“ Mit dieser Frage hat sich die Fotografin und Sozialwissenschaftlerin zusammen mit der Künstlerin Zara Morris auseinandergesetzt. Herausgekommen ist das Kunstprojekt „Ja, ich wohne hier. Hinter den Kulissen Neuköllns“. Und wo könnte das besser präsentiert werden als auf dem Kulturfestival „48 Stunden Neukölln“, das an diesem Wochenende bereits zum 15. Mal stattfindet?

48 Stunden Neukölln
Die Aktion 48 Stunden Neukölln bot am vergangenen Wochenende viel Kunst. Auch ein paar Anwohner ließen es sich nicht nehmen, ihren Teil zu 48 Stunden Neukölln beizutragen. Foto: Hendrik LehmannWeitere Bilder anzeigen
1 von 11Foto: Hendrik Lehmann
20.06.2011 12:15Die Aktion 48 Stunden Neukölln bot am vergangenen Wochenende viel Kunst. Auch ein paar Anwohner ließen es sich nicht nehmen, ihren...

Ein paar Tage vor dem Festival stehen die Bilder und das noch nicht ganz fertige Aufklappbuch in der kleinen chaotischen Einzimmerwohnung, die Ursula Moffitt und der gebürtigen Londonerin Morris in den vergangenen Wochen als Atelier diente. Die Porträts von zehn jungen Neuköllnern, darunter Deutsche, Türken, Amerikaner und Italiener, die den Künstlerinnen ihre Wohnungstüren geöffnet haben, stehen da und das großformatige Pop-up-Buch, das die unterschiedlichen Lebens- und Denkweisen der Neuköllner genauso zeigen soll wie die Klangcollage. Zu sehen und hören ist das von Freitag bis Sonntag in der Galerie Retramp in der Reuterstraße.

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Kunstfestival in Neukölln
Kunstfestival in Neukölln

„Das Projekt spiegelt auch unsere eigenen Erfahrungen wider“, sagt Moffitt, die seit 2011 in Berlin lebt. Seit sie während des Schüleraustauschs bei einer deutsch-türkischen Familie in Heidelberg gelandet war, interessiert sie sich für die deutsch-türkischen Beziehungen. Den einen Teil des Masterstudiums verbrachte sie in Ankara, für den zweiten kam sie nach Berlin. Dass sie in Neukölln gelandet sind, war bei beiden purer Zufall – und doch sehr passend. Denn das Zusammenleben verschiedener Nationalitäten, Migration, Integration – das kennen die beiden auch aus der Heimat. „Brent, der Londoner Stadtteil, aus dem ich komme, hat eine ähnliche Geschichte wie Neukölln“, erzählt die sommersprossige, rot gelockte Zara Morris: „Erst sozialer Brennpunkt mit hohem Ausländeranteil, jetzt der Wandel zum Szenebezirk.“ Und in Ursula Morris’ Heimat, dem Grenzstaat New Mexico, leben seit jeher Einwanderer aus Lateinamerika und US-Bürger Tür an Tür, „die gehören einfach dazu“. In Berlin dagegen sei immer gleich die Rede von Problemen, Ghettoisierung, zu vielen Ausländern, sagt Ursula Moffitt. Sie sei überrascht, wie offen ausländerfeindlich sich einige Berliner äußern. Eine Neuköllnerin, die für das Projekt interviewt wurde, sagte etwa, dass sie sich nicht mehr wohlfühle, seit sie auf der Straße nur noch Türkisch höre. Eine junge Amerikanerin hingegen, die sich noch nie damit beschäftigt hatte, was in ihrem Kiez passiert, fragte: „Gentrifizierung, was ist das noch mal?“

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48 Stunden Neukölln
48 Stunden Neukölln

Der Mix von überraschenden Ansichten mit dem Klischee, das Spiel mit Gegensätzen und Parallelen ist typisch für das gesamte Festival. Von Freitag bis Sonntagabend verwandelt sich ganz Neukölln wieder in ein großes Kunst- und Kulturareal. Zwischen Reuter- und Schillerkiez, rund um Hermann- und Richardplatz, entlang der Karl-Marx-Straße und der Sonnenallee finden an 250 verschiedenen Orten über 400 Veranstaltungen statt.

Diesjähriges Motto ist „Perspektivwechsel“. Eine Veranstaltungsreihe zum Thema „Urbanes Altern“ widmet sich den Bewohnern Neuköllns ab 60, eine andere setzt sich mit den verschiedenen in Neukölln vertretenen Glaubensrichtungen auseinander: Die Performances und Installationen von „Kunst und Kultur – Stimmen der Religion“ finden unter anderem in der Herrnhuter Brüdergemeinde, dem Sri-Ganesha-Tempel und der Sehitlik-Moschee statt.

Außerdem stehen Kiezführungen, Lesungen, Konzerte und Theater auf dem Programm. Nicht nur Ateliers und öffentliche Plätze dienen als Austragungsorte, auch Hinterhöfe, Keller, Treppenaufgänge, Gärten und Privatwohnungen werden – wie jedes Jahr mit einer Mischung aus kuratierter Hochkultur und Amateurkunst – bespielt. Irgendwo dazwischen sehen sich auch Zara Morris und Ursula Moffitt. Und das gilt nicht nur für ihre Kunst.

Eröffnung am Freitag um 19 Uhr im Kesselhaus, Werbellinstr. 53, Neukölln. Alle Informationen zum Programm finden Sie unter www.48-stunden-neukoelln.de

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