Kulturloge Berlin : Reihenweise Kunstgenuss

Wie kommen arme Leute in Konzerte und Theater? In der Kulturloge Berlin kooperieren Veranstalter, soziale Träger – und Besucher, die sich gern trauen würden.

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Fest der Farben. Proben für die choreographische Oper „Dido & Aeneas“. Das Stück „Ein Sommernachtsfest“ erlebten Bedürftige in der Waldbühne gratis. Foto: picture alliance / dpa
Fest der Farben. Proben für die choreographische Oper „Dido & Aeneas“. Das Stück „Ein Sommernachtsfest“ erlebten Bedürftige in der...Foto: picture alliance / dpa

Über die Finanzierung jener schönen Künste, die an Personen mit geringem Einkommen kostenlos vermittelt werden sollten, redet man an diesem weltumarmenden Nachmittag mal weniger. Es sei ungerecht, dass nicht jeder, der will, Eintrittskarten bekomme, sagt der PR-Mann einer Off-Oper; die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich wolle man überbrücken. Man erfreue sich zwar einer 90-prozentigen Auslastung, sagt der Chef eines Jugendtheaters: Aber „es macht mehr Spaß, wenn es voll ist, deswegen sind wir dabei“. Die Bühnenleute und ein Abteilungsleiter der Staatlichen Museen, der daran erinnert, dass es im Westteil der Stadt bis 1990 freien Museumseintritt gab, präsentierten vor 50 Vertretern sozialer Einrichtungen das Konzept Kulturloge. Das käme ihnen als institutionelle Partner dieser Arbeitsgemeinschaft entgegen. Die drohende Überschrift dieser Info-Runde in einem Saal des Veranstaltungsortes Radialsystem lautet allerdings „Kultur für alle! - Kulturelle Inklusion“.

Vom Münchner Komiker Karl Valentin stammt neben dem Bonmot, Kunst sei schön, koste allerdings Arbeit, auch die humoristische Bosheit „Zwangsvorstellungen“: ein Text, der klingt, als seien vorzeiten manche Vorurteile gegen das Projekt Kulturloge vorweggenommen worden. „Woher diese leeren Theater?“ fragte damals der Komiker. „Nur durch das Ausbleiben des Publikums. (...) Warum wird kein Theaterzwang eingeführt?“ Wenn erst der Besuch des Musentempels Pflicht sei, brauche keiner mehr überlegen, welches Stück ihn interessiere, die Reklame sei einzusparen, eine Preisstaffelung entfalle, denn „die Plätze werden nicht mehr nach Standesunterschieden, sondern nach den Schwächen und Gebrechen der Theaterbesucher eingeteilt“.

Für den Volksschauspieler Valentin lag die Pointe seiner totalitären Vision in der Einkommensgarantie für seine Zunft. Wenn Kulturkonsumenten, Kulturbehörden und Künstler auf das Programm „niederschwellige Vermittlung“ à la Kulturloge teils skeptisch reagieren, geht es um das „Was nichts kostet, ist nichts wert“– Image einer Gratis-Resterampe.

Kinder-Spiel. Peter Maffays Tabaluga in der O2-Arena Ende Oktober, auch dafür vermittelt die Kulturloge Freikarten. Foto: picture alliance / dpa
Kinder-Spiel. Peter Maffays Tabaluga in der O2-Arena Ende Oktober, auch dafür vermittelt die Kulturloge Freikarten.Foto: picture alliance / dpa

Aber die Realität der Kulturloge Berlin, wie sie sich in der Friedrichshainer Tanzhalle vorstellt, sieht würdiger, anziehender, eindrucksvoller aus. Zwischen 170 Kulturpartnern einerseits und 6000 angemeldeten Gästen (Berechtigte, die weniger als 900 Euro netto monatlich haben) sowie 60 sozialen Partnerinstituten andererseits vermittelt der Verein Kulturloge 2000 Theater-, Konzert-, Opern-, Kabarettplätze und Museumsbesuche im Monat. 70 Ehrenamtliche bieten den Abo-Gästen, zu denen Senioren, körperlich Behinderte, psychisch Kranke, Drogenabhängige oder einfach arme Bürger gehören, individuell oder über deren soziale Institution, passende Freiplätze an.

Das Profil der Wunsch-Events wird, zuvor in einer Vereinbarung skizziert, in eine Datenbank eingespeist. 20 000 Vermittlungen gab es 2011 – angesichts von bis zu vier Millionen Berliner Leerplätzen im Jahr. Das verbessert, immerhin, die Auslastungsstatistik. Über die Qualität der Kontakte zwischen Mensch und Kultur sagen die Zahlen noch nichts.

Doch zeigt sich während des Präsentationsforums, dass bei dieser Anbahnung die Achtung vor den Gästen mit der Wertschätzung von Kunst korrespondiert. Christopher Richartz von den Staatlichen Museen unterstreicht, dass Anspruchsberechtigte eines Berlin-Passes eigentlich sowieso für drei Euro in das Haus hereinkämen. Die Museen wollten aber Gruppen anlocken, die sich selbst nicht trauen. Sabine Sawitzki berichtet von der Kontakt- und Begegnungsstätte kbs in Mitte, dass psychiatrische Patienten, aus allen Lebensbahnen gerissen, die Einladung zu einem Kulturereignis als „etwas ganz Wunderbares“ erfahren. Angenehm sei ihnen, eben keinen Bedürftigen-Ausweis vorzeigen zu müssen: sondern wie alle eintreten zu dürfen.

Eine Mitarbeiterin der Caritas-Sucht-Beratung in Steglitz gibt zu, dass bei Drogenpatienten die Diskrepanz zwischen Anmeldung und Wegbleiben besonders hoch sei. Eine Unternehmerin, die Spenden sammelt, möchte wissen, wofür – und erfährt, wie wichtig es ist, zur Instandhaltung eines solchen Netzwerks Handygebühren begleichen zu können: Viele Gäste haben kein Festnetz-Telefon.

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