Kunst des Gemeinsinns : Ein Pater hilft Künstlern in Neukölln

In Berlin leben viele kreative Einzelgänger. Priester Jean-Marie Porté kümmert sich mit seinem Orden "Offenes Herz" darum, dass sich alle im Kiez kennenlernen.

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Warmer Empfang. Bei der Gemeinschaft Points-Coeur in Neukölln treffen sich diesmal Suzanne Anel (l.), Pater Jean-Marie Porté und Alexis Dupuy; vorn Lakshmi und Marianne Philibert.
Warmer Empfang. Bei der Gemeinschaft Points-Coeur in Neukölln treffen sich diesmal Suzanne Anel (l.), Pater Jean-Marie Porté und...Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Vielleicht kann man sich so die moderne Variante eines Klosters vorstellen. Ein Mietshaus in Neukölln, auf der Klingel an der Richardstraße steht „Verein Offenes Herz e.V.“. Die Klingel gehört zu einer Wohnung im 3. Stock. Vor einem Spiegel in dem engen Flur steht ein Stück weiße Pappe, darauf ist zu lesen: „Es geht um die Liebe“. Im Wohnzimmer mit großem Esstisch und Sofa fallen zwei angestrahlte Kunstwerke auf. Von hier aus kämpft der französische Priester Jean-Marie Porté mit vier Mitstreitern seit zwei Jahren gegen die Einsamkeit der Menschen in der Umgebung, vor allem gegen die Einsamkeit der Künstler. Die Idee dazu kommt aus New York: „Künstler in New York hatten uns gesagt, dass in Berlin jetzt alles stattfindet in der Kunst, dass gleichzeitig eine große Leere herrsche.“

Eine konventionelle Karriere als Physiker wartete schon auf Jean-Marie Porté, aber er entschied sich anders. Geboren und aufgewachsen in Paris, machte er schon mit 16 Jahren sein Abitur, studierte dann Kernphysik, unter anderem in Darmstadt. Nach dem Diplom wollte er eine Auszeit nehmen, ein Freiwilligenjahr in einem Elendsviertel in Brasilien und landete in Salvador de Bahia.

Wie heißt Du? "Warze", antwortet das Kind.

Dort hatte 1990 ein französischer Mönch namens Thierry de Roucy eine Vision. Er stand vor dem Erzbischöflichen Palais, hatte eigentlich einen Termin mit dem Bischof, als ihn ein etwa vierjähriges Kind ansprach. „Wie heißt du“, fragte er. „Warze“, antwortete das Kind. „Man kann doch nicht Warze heißen, das ist nur ein Spitzname. Wie haben dich deine Eltern genannt?“ „Ich habe keine Eltern“, sagte das Kind. „Wo wohnst du?“ „Auf der Straße.“

Dieses Kind, so erzählt es Jean-Marie Porté, war der Auslöser für die Gründung eines neuen Ordens namens „Points-Coeur“, übersetzt „Offenes Herz“. Priester leben in Wohngemeinschaften mit geweihten Laien und jungen Erwachsenen, die sich für 14 Monate bis zwei Jahre zum Freiwilligendienst verpflichtet haben. Es geht nicht nur darum, Kindern einen Namen zu geben, sondern Menschen, die allein sind, ein offenes Herz zu schenken, Trost zu spenden. Freiwillige müssen sich sechs Monate lang prüfen, ob sie das wirklich wollen und an drei Wochenenden zur Probe in einer Gemeinschaft leben.

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