Berlin : Kunst in Bau

Unter den Linden entstehen riesige Skulpturen – sie werden zur Langen Nacht der Museen das Stadtbild in Mitte prägen

Christian van Lessen

Eine Fahrbahn Unter den Linden war gestern schon gesperrt: Sicherheitsleute achteten darauf, dass Baufahrzeuge am Mittelstreifen parken und Arbeiter Holzlatten, Gerüste und Absperrungen abladen und montieren konnten. Die Bewag verlegte Elektrokabel. Alles Vorboten einer Aktion, die den Linden für den Rest der Woche ein völlig verändertes Aussehen verpasst. Vorboten der Langen Nacht der Museen am Wochenende – und des 40-jährigen Jubiläums der Unternehmensberatung McKinsey in Deutschland. Sie feiert am Freitag mit mehr als 4000 Gästen ihr Sommerfest in Berlin, das Promenieren auf dem Mittelstreifen ist Schwerpunkt des Festprogramms.

Denn die Firma mit weltweit 11 000 Mitarbeitern steckt hinter der Aktion. „RefleCity“ heißt das Projekt des Pariser Künstlers Armel Réau, das McKinsey gesponsert hat – mit wie viel, will Unternehmenssprecher Rolf Antrecht nicht verraten. Das Gesamtkunstwerk solle jedenfalls das „urbane Leben des Menschen“ darstellen und sich vom Pariser Platz bis zum Schloßplatz erstrecken.

Es wird aus neun Einzelkunstwerken bestehen. Das größte, eine 22 Meter hohe, rote Bambusstruktur, heißt „Climb“, steht auf dem Schloßplatz und ist schon weitgehend fertig. Armel Réau will auf die Spitze des Skeletts ein Licht wie auf einen Leuchtturm setzen. Die Betrachter sollen sich fragen, ob das Holzgerippe den Turm von Babel oder gar ein Schloss darstellen soll. Dem Künstler geht es um das Motiv des Bauens und die Grenzen, die ihm gesetzt sind: etwa mit der in Berlin ortsüblichen Bauhöhe.

Von den anderen Kunstwerken war gestern Nachmittag entweder noch gar nichts zu sehen, oder es wurden schon die Fundamente gelegt. Aber McKinsey will ja erst am Freitag alles fertig haben. Etwa den großen Sessel auf einem sechs Meter hohen Stahlgerüstturm auf dem Pariser Platz. Oben soll eine menschliche Kunstgestalt Richtung Schloßplatz blicken und über die „bürgerliche Freiheit“ nachdenken – und über Träume. Auf dem Mittelstreifen gegenüber wird eine Lichtinstallation die leuchtende Palme auf einer Insel darstellen, mit einem Horizont unter glühender Sonne. Der Künstler will damit fragen: „Was treibt den Menschen in seinem Leben an?“

Gestern Nachmittag trieb die Bauarbeiter zumindest schon erster Zeitdruck an. Neun Kunstwerke zu installieren, erfordert strenge Logistik. Dazu gehörte auch ein Traktor, der mit Gerüstteilen die Linden entlangfuhr und der Straße ein ländliches Gepräge gab. Am späteren Nachmittag konnten Passanten an der Statue des Alten Fritzen in Höhe der Staatsoper ein Bootsskelett aus Metall und Holz heranwachsen sehen, aus Lautsprechern in seinem Inneren sollen Geschichten über Berlin erzählt werden, viel wird durcheinander gesprochen, und der Zuhörer soll sich fragen, was er von dem Vernommenen glauben soll oder nicht.

Am Freitag wird das Stimmengewirr erstmals erklingen, und in der Langen Nacht der Museen natürlich auch. McKinsey sieht die Installationen als „Referenz an Berlin“. Die Bläser der New Yorker Philharmonie werden am Freitag im Palast der Republik allein für die Firma spielen – am Sonnabend ist ihr Konzert Bestandteil der Museennacht. Wie viele andere Veranstaltungen, etwa auf der Museumsinsel, die freitags für McKinsey-Leute, sonnabends für alle offen sind. Zur Disco wird der Palast der Republik allerdings nur einmal – wenn Freitagnacht rund 500 Unternehmensberater tanzen.

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